on the happyroad

Vom Balkan zum Nordkap

Einfach machen…

Reiseblogs gibt es wie Sand am Meer. Oder Steine im Gebirge, Bäume im Wald – sucht euch ein Klischee aus. Genauso viele Weltenbummler, Instatraveller, Globetrotter und Vanlifer hat die Welt online wie offline zu bieten. 

Warum wir das trotzdem machen? Weil es Spaß macht. Das Reisen genauso wie das Bloggen. Wir sind wahrscheinlich nicht anders oder außergewöhnlicher als all die anderen Reisenden und Blogger. Aber wir haben „a mords Gaudi“, wie man in Österreich sagt. Und darauf kommt es doch an, oder?

Seit ein paar Monaten sind wir sogenannte Vanlifer. Das heißt wir leben und reisen in einem Van, einem Campingbus. In den meisten Fällen sind diese Vehikel selbstgebaut und ähneln mal mehr, mal weniger, einem kleinen Haus auf Rädern. In unserem Fall handelt sich um einen VW T5  (für alle, die sich nicht auskennen: Ein typischer VW-Transporter, Baujahr 2014), den wir natürlich, da lassen wir uns nichts nachsagen, auch selbst ausgebaut haben. Zugegebenermaßen hat vor allem einer von uns gebaut und die andere moralische Unterstützung geleistet, aber ich habe in dem Prozess immerhin gelernt, was eine Torx-Schraube ist und wie sich eine Stichsäge von einer Flex unterscheidet. 

Unser Bus (nein, er hat keinen Namen) verfügt über eine Solaranlage, eine Standheizung, eine Dusche mit warmem Wasser, ein Bücherregal und eine Couch/Bett-Kombi. Wir wollen sowohl im Sommer als auch im Winter möglichst autark unterwegs sein. Eine kleine Führung durch unseren Bus, unter Vanlifern nennt man das „Roomtour“, könnt ihr hier anschauen.

Ob wir wirklich einen geländetauglichen Bus mit Allradantrieb brauchen, habe ich am Anfang etwas bezweifelt. Das schien mir für die europäischen Straßen, auf denen wir uns hauptsächlich bewegen werden, etwas übertrieben. Diese Meinung habe ich mittlerweile revidiert. Die vielen Schlaglöcher und Schotterpisten auf dem Balkan, in Rumänien und vor allem der Ukraine haben uns und unserem Bus schon einiges abverlangt. Ohne den Allrad-Antrieb hätten wir viele schöne Orte und bezaubernde Stellplätze nicht erreicht.

Trotzdem ist und war die Stellplatzsuche, gerade in Südost-Europa, eine der härtesten Herausforderungen.

Wir sind sicherlich nicht blauäugig in unser Vanlife-Projekt gestartet. Uns ist bewusst, dass es Schwierigkeiten und Herausforderungen geben wird, die über die Stellplatzsuche hinaus gehen. Wir könnten bestohlen werden, einen Unfall haben oder uns tierisch auf die Nerven gehen und Vanlifen bei Minusgraden im hohen Norden klingt vielleicht auch romantischer, als es ist. Aber wir können auch morgens in der eiskalten Soca baden, abends beim Spazierengehen die Glühwürmchen beobachten und einfach da bleiben, wo es uns gefällt. Wir haben immer ein leichtes Chaos um uns herum und wir verbringen sehr viel Zeit damit, Dinge zu suchen und hin und her zu räumen. Aber wir könnten auch lernen, mit ganz wenig auszukommen und kleine alltägliche Dinge wieder neu schätzen lernen (zugegeben, ich hatte gerade die erste Haarwäsche seit 6 Tagen und es fühlt sich toll an!). 

Denn das echte Vanlife ist bestimmt nicht so, wie es uns Instagram präsentiert. Aber ich finde, dass genau das das Spannende daran ist.

Geländetauglich – Vanlife zu viert

Unser Bus schwankt hin und her, während Mathias sich im Fahrersitz von einer Seite auf die andere lehnt. Wir stehen in einer Haarnadelkurve über einer griechischen Bucht, die Aussicht wäre traumhaft schön, wenn es nicht so stark regnen würde. Und wenn unser Bus nicht mit zwei Reifen in der Luft hinge.

Der Stellplatz, den wir heute ansteuern, ist bei der Stellplatz-App als „Offroad“-Stellplatz markiert. Das bedeutet unter Umständen schwieriges Terrain und wir haben bisher meistens versucht, solche Stellplätze zu vermeiden – um das Fahrwerk und Mathias‘ Nerven zu schonen. Denn obwohl unser Bus über Allradantrieb verfügt, ist er nicht unbedingt ein geländegängiges Fahrzeug. Dazu fehlt die Bodenfreiheit sowie ein andere technische Details (die ich mir nie genau merken kann). Seitdem wir in Griechenland sind, sind wir jedoch häufiger auf Straßen und Wegen unterwegs, die unseren kleinen Bus an die Belastungsgrenze bringen. Das liegt zum einen an den griechischen Straßenverhältnissen: Schnell findet man sich hier abseits der Hauptstraßen auf Sand-, Schlamm- und Geröllpisten wieder, auf die uns unser Navi zielsicher steuert. 

Zum anderen liegt es aber auch daran, dass wir seit einigen Tagen zu viert unterwegs sind. An einem besonders schönen und besonders sandig-schlammigen Stellplatz haben wir Sophie und Thomas kennen gelernt, die seit drei Monaten durch Osteuropa reisen. Unter Vanlifern kommt man schnell ins Gespräch und es dauerte nicht lang, bis wir uns über die Vor- und Nachteile von Dachzelten, Campingkochern und tragbaren Spülbecken austauschten. Im Gegensatz zu uns sind die beiden allerdings deutlich offroad-gängiger unterwegs: Bei ihrem Landrover fangen die Fahrprobleme da erst an, wo es für uns schon fast zu spät ist.

Nach einer gemeinsamen Wanderung und einem Pizza-Abend am Lagerfeuer (der Mathias und mir völlig unverhoffte kulinarische Genüsse verschafft und unsere Wunsch-Liste für die Busausstattung um einen sogenannten Dutch-Oven verlängert hat) beschlossen wir, die nächsten Tage gemeinsam zu reisen. Mathias und ich hatten schon häufiger darüber gesprochen, dass es bestimmt schön wäre, mal eine Zeit lang in einer Gruppe zu reisen und gemeinsame Campplätze aufzusuchen, aber bisher keine anderen Vanlifer getroffen, die mit uns auf einer Wellenlänge waren. Dieses Physiotherapeuten-Pärchen aus Schwaben ist anders als die Reisenden, mit denen wir uns bisher unterhalten hatten und wir haben viel Spaß zusammen und genießen es, gemeinsam zu kochen (an einem denkwürdigen Regen-Abend macht Mathias Kaiserschmarren für vier in unserem Bus), zu wandern und gegenseitig Ausrüstungsgegenstände auszutauschen, die den jeweils anderen fehlen. Mathias hat außerdem „a mords Gaudi“ am Kolonnenfahren und dem dazugehörigen Funkverkehr via Walkie-Talkie.

Seitdem haben wir auch weniger Bedenken, was Offroad-Strecken angeht, denn wir wissen, dass uns Sophie und Thomas mit ihrem „Landy“ aus den meisten brenzligen Situationen wieder befreien könnten. Nur gerade jetzt sind wir auf uns allein gestellt. Die beiden sind ziemlich weit weg, auf der Suche nach ihrem verlorenen Wasserfilter (der irgendwo unterwegs liegen geblieben ist) und um eine zugelaufene Katze zurück in ihr Heimatdorf zu bringen.

Wir hängen also ziemlich allein in dieser Kurve fest und haben nur die Möglichkeit, uns selbst wieder frei zu schaukeln. Die Kurve ist wirklich wahnsinnig eng und steil und beim Zurücksetzen (in einem Schwung wären wir niemals rum gekommen) haben zwei unserer Reifen die Bodenhaftung verloren. Vor uns geht es steil die Küstenlinie hinunter, und als einer der beiden stehenden Reifen durchdreht, verstehe ich, was Mathias meint, wenn er sagt, wir bräuchten eine Höherlegung des Fahrwerks. Es benötigt eine Menge Rangieren und noch viel mehr Nerven, bis unser Bus sich im strömenden Regen um diese Kurve gequält hat. Unten in der Bucht angekommen vermeiden wir es, auf allzu sandigem Untergrund zu parken und warten entspannt auf Sophie, Thomas und ihren Landrover – für den Rückweg sind wir vorbereitet.

Auf ihrem Youtube-Kanal „Wild Live Unit“ berichten Sophie und Thomas von ihrer Reise. Reinschauen lohnt sich!

Planänderung

„We have to drink it before it becomes tea!“ Mit diesen Worten setzt der Tscheche die Ouzo-Flasche an und nimmt einen kräftigen Schluck. Dann reicht er sie an Mathias und mich weiter, mit der Aufforderung, den Rest zu trinken. 

Zum Glück hat unser tschechischer Bekannter gute Arbeit geleistet und es ist nicht mehr viel drin in der Schnapsflasche, denn in Kombination mit dem fast 40 Grad heißen Wasser, in dem ich gerade sitze, ist Ouzo mitten am Tag vielleicht nicht die beste Idee. 

Wir baden heute in Thermopyles in Griechenland in einer heißen Quelle, deren Wasser direkt aus dem Boden quillt. Bis auf ein flaches gemauertes Becken, in dem sich das heiße Wasser sammelt, ist sie völlig naturbelassen. Es riecht nach Schwefel, aber das Wasser ist glasklar. Außer vielen Einheimischen und den Kindern vom benachbarten Flüchtlingscamp haben auch einige Touristen den Weg hierher gefunden. Unter anderem eine tschechische Familie mit ihrem 8-Tonnen-Reisemobil, die neben uns auf der Wiese gegenüber des heißen Beckens parkt. Der Vater, Anfang 40, tätowiert und mit einem offenen Lachen hat sich schnell mit Mathias angefreundet und ihm anvertraut, dass seine Frau keinen Alkohol trinke. Deshalb freue er sich immer besonders, wenn er mit jemandem anstoßen könne. Dafür sind wir genau die richtigen und um ihm eine Freude zu machen, nehmen wir eine kleine Flasche Ouzo mit zum gemeinschaftlichen Bad. Die steigende Temperatur ihres Inhalts macht unserem Nachbarn nun solche Sorgen, dass er ihn so schnell wie möglich vernichten möchte – eine Aufgabe, die er mit Bravour meistert.

Währenddessen dümpeln wir entspannt im heißen Wasser und heizen uns den Winter aus den Knochen. Vor einer Woche sind wir noch durchs schneebedeckte Lappland gefahren, Rentiere am Straßenrand und Eiskristalle im Bus. 

Aber nach zwei Monaten im Winter, mit Minusgraden, Eiskratzen und Dauerfrost haben wir beschlossen, dass es Zeit ist für etwas Wärme und Sonnenlicht. Eines Morgens ist uns sogar das Wasser in der Leitung gefroren uns hing als skurriler Eiszapfen aus dem Wasserhahn über unserer Spüle. Vor allem aber Mathias, der gesundheitlich ziemlich angeschlagen ist, hat die vier Stunden Dämmerlicht pro Tag nicht so einfach weggesteckt. Auch wenn ich selbst mit durchaus gemischten Gefühlen in den Süden gefahren bin (das skandinavische Winterwonderland hat mir schon wahnsinnig gut gefallen): Bei dieser Reise soll es darum gehen, dass wir beide zusammen eine gute Zeit haben. Wenn einer genießt und der andere leidet, macht die Unternehmung nicht viel Sinn. 

Das Gute am Vanlife ist schließlich die Flexibilität, die man hat. Und auch wenn wir unsere Ski noch nicht mal ausgepackt haben, wollen wir unseren Ursprungsplänen treu bleiben. Wenn es uns an einem Ort nicht gefällt oder es einem von beiden nicht gut geht, fahren wir woanders hin. Dass das „Woanders“ jetzt knapp 5000 Kilometer weiter südlich zu finden ist, hätten wir natürlich nicht gedacht. Auf der anderen Seite ist ein „Woanders“, das heiße Naturbäder, Ouzo und 18-Grad-draußensitz-Temperatur beinhaltet auch nicht das schlechteste. Und mein letztes Naturbad in der Barentssee ist vom Gemütlichkeitsfaktor mit dieser heißen Quelle nicht mal ansatzweise zu vergleichen.

Und wie anders ist jetzt wieder dieses Griechenland! Wo die Skandinavier eher reserviert und distanziert sind, bekommt man in hier schnell einen freundlichen Gruß oder ein Lächeln geschenkt. Am ersten Abend bringt uns gar ein Einheimischer ein paar Bier zum Bus und setzt sich zu einem Plausch an unser Feuer. Vom ordentlichen und adretten Norwegen ins chaotische und leider sehr dreckige Griechenland ist allerdings auch ein kleiner Kulturschock. Mathias erfreut sich derzeit wieder am „situationsangepassten Interpretieren der Straßenverkehrsordnung“ – jedenfalls so lange, bis ein nackter und betrunkener Grieche beim Zurücksetzen beinahe unseren Abendbrottisch umnietet.

Nordlichter werden wir hier keine sehen, und statt Rentieren lungern Straßenhundegangs am Wegrand, aber es ist ein neues, wärmeres Abenteuer – und Abenteuer sind immer gut.

Glamping? Gern doch!

Aus dem Raum nebenan dringt Applaus und Gelächter. „We have a funeral toady“, erklärt uns der Rezeptionist des Campingplatzes, auf dem wir gerade einchecken, als wäre es die natürlichste Sache der Welt, dass ein Leichenschmaus auf einem Campingplatz stattfindet und die Gäste bester Stimmung sind. Bevor ich mich in Mutmaßungen über die Beliebtheit des oder der Verstorbenen verlieren kann, wird meine Aufmerksamkeit allerdings wieder auf den Checkin-Vorgang gelenkt. Auf einer kleinen Karte zeigt der Rezeptionist uns, wo wir stehen können, wo die Duschen, die Küche und der Aufenthaltsraum sind – das übliche Prozedere.

Dieser Campingplatz an einem Strand auf den Lofoten ist der insgesamt fünfte, den wir auf unserer Tour ansteuern, und der erste seit mindestens sechs Wochen. Auf Campingplätzen zu stehen ist bei Vanlifern verpönt, gilt als spießig und konterkariert das Gefühl von Freiheit und Naturverbundenheit, das man gemeinhin mit dem Leben im Van assoziiert und das man als aktiver Vanlifer vermitteln möchte. So eine Haltung ist natürlich im Sommer, wenn es schön warm ist, man abends vor dem Van sitzen, bei offenem Fenster schlafen und sich im nahen See waschen kann, sehr einfach und bequem. Seitdem wir Minusgrade haben, es abwechselnd schneit oder regnet und die Sonne um 15 Uhr untergeht habe ich meine Meinung zu Campingplätzen überarbeitet. Ich genieße es an diesem Abend, mit Mathias in einem warmen Aufenthaltsraum zu sitzen (den wir jahreszeitenbedingt noch dazu für uns allein haben), das Geschirr mit warmem Wasser abzuspülen und eine beheizte Toilette aufzusuchen, wann immer mir danach ist. Selbstverständlich können wir einzelne Aspekte davon auch außerhalb des Campingplatzes finden: Warme Toiletten gibt es an Fährhäfen (dafür ist es da ziemlich laut in der Nacht), unser Bus ist auch schön warm und kuschelig (dort können wir aber nicht aufrecht stehen) und mit Neoprenhandschuhen frieren einem auch beim Outdoor-Abwasch nicht die Finger ab. Aber hin und wieder ist es einfach entspannend und wohltuend, alles das gleichzeitig zu haben – ohne dafür gleich eine Ferienwohnung oder ein Zimmer mieten zu müssen. Auf dem letzten Campingplatz in Finnland gab es sogar eine Sauna zur freien Verfügung sowie extrem freundliche und hilfsbereite Campingplatzbetreiber, die uns bei kleinen Reparaturen geholfen haben. 

Gerade hier, auf den stürmischen und wechselhaften Lofoten, wo uns fast immer der Wind ums Auto bläst und es dauernd drinnen und draußen feucht und nass ist, genießen wir diese eine Nacht Luxuscamping sehr. „Fast ein bisschen Glamping“, stelle ich fest, als wir uns zum Abendessen frisch geduscht am Tisch gegenüber (nicht nebeneinander!) sitzen, mit Kerze in der Mitte. 

Selbstverständlich werden wir ab jetzt nicht jede Nacht auf einem Campingplatz verbringen können. Dafür würde unser Budget nicht einmal ansatzweise ausreichen, außerdem sind die meisten Campinglätze hier in Nordskandinavien um diese Zeit ohnehin geschlossen. Der heutige Camping war ein Glückstreffer, was vielleicht auch mit der Doppelfunktion als Veranstaltungsort zusammen hängt. Und wir sind dann doch Vanlifer genug, dass wir einsame Stellplätze mitten in der Natur und einem schönen Lagerfeuer durchaus zu schätzen wissen. 

Aber wenn ich wieder einmal zwischen Matratze und Spüle eingeklemmt an meinem „Winterarbeitsplatz“ knie und genau in dem Moment auf die Toilette muss, wenn der Sturm unseren Bus so richtig durchschüttelt, frage ich mich schon, ob all diese „Keine-Campingplätze“-Vanlifer immer nur im Sommer, bei bestem Wetter unterwegs sind? Oder vielleicht doch heimlich ihren Van ganz hinten auf dem Campingplatz abstellen, wo sie hoffentlich keiner sieht?

Ich jedenfalls freue mich jetzt schon darauf, wenn wir den nächsten geöffneten Campingplatz finden und wieder ein bisschen „glampen“ können.

Nordlicht in Flaschen

In der nördlichsten Whiskeydestillerie der Welt gibt es keinen Whiskey. Etwas ratlos stehen Mathias und ich im Eingangsbereich, der gleichzeitig als Café dient. Wir haben den Abstecher hierher gemacht, weil ich auf der Fähre über den Lyngenfjord eine Werbeanzeige entdeckt habe: Besuchen Sie „Arctic Spirit“, die nördlichste Destillerie der Welt, erfahren Sie alles über die norwegische Whiskey-Tradition und nehmen Sie teil an einer Whiskey-Verkostung – oder so ähnlich. „Los, das schauen wir uns an“, habe ich Mathias überredet, im Hinterkopf den vagen Plan, meinem Vater eine Flasche des nördlichsten Whiskeys der Welt mit nach Hause zu bringen und ziemlich neugierig, wie es vor Ort wohl aussieht. Norwegen und Whiskey bringt man gemeinhin nicht in unmittelbaren Zusammenhang und schon allein deshalb muss ich mir das ansehen. 

Umso erstaunter bin ich, als die Touristenführerin, die gleichzeitig Barkeeper, Bedienung, Souvenirverkäuferin und Whiskeyexpertin ist, uns erklärt, dass wir hier keinen Whiskey kaufen können. Das liege zum einen daran, dass es die Destillerie erst seit 2016 gebe, 2017 habe man den ersten Whiskey angesetzt und jeder gute Whiskey brauche nun mal mindestens drei Jahre Reifezeit. „Man kann ihn auch nach einem Jahr schon abfüllen, wie es die Amis machen, und das dann Bourbon nennen“, erläutert sie mit vielsagendem Blick. Man sehe sich hier aber in der schottischen Whiskeytradition, und auch wenn sie es nicht direkt ausspricht wird klar: Von so etwas wie Bourbon hält man bei Arctic Spirits nichts. Neben Whiskey werden hier aber auch der norwegischen Traditionsschnaps Aquavit, Vodka (“für die russischen Touristen“) und ein erstaunlich guter „Arctic Gin“ produziert, wie ich nach einem Probiergläschen zugeben muss. Bivrost nennt Arctic Spirit seine Spirituosen, das Vikinger-Wort für Nordlicht. Denn die Vikinger glaubten, dass das Nordlicht eine Brücke ins Jenseits darstellt, die Verbindung zwischen zwei Welten. Ein passender Name für Hochprozentiges. 

Der zweite Grund, warum die Destillerie keinen Whiskey – und auch sonst keinen Alkohol verkauft – sind die strengen norwegischen Gesetze. Alkohol kann man grundsätzlich nur in speziellen Läden kaufen, und obwohl die Norweger durchaus ein inniges Verhältnis zu ihrem Aquavit haben, ist das Thema Alkohol gesellschaftlich noch immer nicht besonders angesehen. Bis vor knapp 15 Jahren habe lediglich der Staat Spirituosen herstellen dürfen, die Lizenzen sind nach wie vor teuer und der bürokratische Aufwand enorm, erfahren wir. Das muss es für eine neue Destillerie doch unglaublich schwer machen, sich zu etablieren? frage ich. Deswegen, erklärt sie uns, habe man von Anfang an auf die Tourismusindustrie gesetzt. Ausländer hätten ein entspannteres Verhältnis zum Alkohol und kein Problem damit, eine Destillerie um ihrer selbst Willen zu besuchen. 

„Strategie voll aufgegangen“, beglückwünschen wir sie und bringen nochmal unser Bedauern zum Ausdruck, dass wir nun erst in den nächsten Alkoholladen fahren müssen, um eine Flasche von dem guten Gin zu kaufen. Ganz umsonst sind wir aber nicht hergekommen: Sie führt uns in einer Speed-Tour durch die restlichen Räume der Destillerie, wir bestaunen den riesigen Destillationsapparat, der wie eine Steampunk-Maschine in einer hohen Halle steht, werfen einen Blick in einen alten Nato-Bunker, wo die Fässer gelagert werden und schauen bei der Qualitätskontrolle zu.

Als wir die Destillerie verlassen, haben wir trotzdem eine Menge über Whiskey gelernt, in meinem Fall einen leichten Dusel und in der Tasche die Visitenkarte vom nächsten Alkoholladen.

Steig ein und fahr mit!

Unser Projekt: Ein Winter in Nordeuropa auf der Suche nach Nordlichtern, Polarfüchsen und Skitouren. Dabei kannst du uns jetzt unterstützen.

Warum uns unterstützen?

Unterwegs dreht Mathias Videos, Sarah schreibt Artikel und Blogbeiträge und über unseren Instagram-Account zeigen wir schöne Fotos von unserer Reise. Wir geben außerdem Tipps zum Leben im Van, zum eigenen Ausbau und zum Reisen mit kleinem Budget. All das machen wir aus Spaß am Bloggen, am Reisen und am Vanlifen. Unsere Beiträge sind für jede und jeden zugänglich und gebührenfrei.

Was wir mit deiner Unterstützung machen?

Mit deinem Beitrag unterstützt du uns in erster Linie bei unseren Blogaktivitäten. Wir haben zum Beispiel laufende Kosten für unsere Homepage oder Internet, die wir mit deiner Hilfe senken können.

Als Vollzeitreisende brauchen wir, davon abgesehen, natürlich vor allem eins: Diesel. Nur wenn wir unterwegs sein können, haben wir auch spannende Geschichten zu erzählen und außerdem sorgt die dieselbetriebene Standheizung dafür, dass wir im skandinavischen Winter nicht erfrieren.

Was bekommst du dafür?

Neben unserer unendlichen Dankbarkeit haben wir kleine Vanlife-Pakete mit Dankeschöns für dich geschnürt.

Außerdem bleiben unsere Videos und Blogbeiträge werbe- und gebührenfrei – wer will schon Werbung auf Youtube sehen und nervige Afiliate-Banner auf der Homepage? 

Wir freuen uns über jeden noch so kleinen Beitrag.

Hier geht es zu unserer steady-Seite, über die du uns unterstützen kannst.

Duschen hinter Stacheldraht

Das kleine Holzschild ist kaum zu erkennen. Es hängt denkbar unauffällig von der Decke des Wellblech-überdachten Ganges, der sich an ein schmuckloses dunkelgrünes Holzgebäude anschließt. Typ Schulgebäude, mit Flachdach, drei Stockwerken und einer Eingangstür aus Glas, die in der Mitte einen braunen Holzbalken zum Öffnen hat. Durch so eine Tür bin ich jeden Tag in mein südwestdeutsches Gymnasium gegangen. „Uimahalli“ steht auf dem Holzschild, das in das Gebäude weist.

Mathias und ich trippeln in diesem Moment noch etwas unentschlossen auf dem Parkplatz vor dem grünen hin und her . „Die anderen sind auch einfach rein gegangen“, sagt Mathias und deutet auf das Schild. Wir sind hierher gefahren, an den Rand von Sodankylä, einer größeren Stadt in Lappland, weil wir uns duschen wollen. „Uimahalli“ bedeutet Schwimmhalle und seitdem es zu kalt ist, um sich in den finnischen Seen zu waschen, suchen wir hin und wieder eine Uimahalli auf. Hier kann man – meistens für sehr wenig Geld – die zum Schwimmbad gehörenden Duschen benutzen und weil wir in Finnland sind, ist selbstverständlich auch immer eine Sauna dabei. 

Dieses Mal allerdings sind wir etwas zögerlich. Zwischen uns und dem Gebäude, in dem sich die Uimahalli befinden soll, steht ein hoher Eisenzaun, obendrauf sind zwei Lagen Stacheldraht gespannt. Es sieht, gelinde gesagt, nicht besonders einladend aus. Aber GoogleMaps und das Holzschild sind sich einig: Wir stehen vor der öffentlichen Schwimmhalle Sodankyläs. Auch wenn ich nicht recht erkennen kann, wo sich auf dem stacheldrahtumzäunten Gelände eine Schwimmhalle befinden soll. Wir beschließen, noch etwas abzuwarten und zu beobachten. Nachdem der dritte Rentner mit einer riesigen Sporttasche über der Schulter durch eine Eisentür im Zaun gegangen und in dem grünen Gebäude verschwunden ist, reicht es Mathias: „Wir gehen da jetzt auch rein“, beschließt er. Ich klemme mir meinen Kulturbeutel und die Badelatschen unter den Arm und folge Mathias, der entschlossen das grüne Gebäude ansteuert. 

Mittlerweile ist es ziemlich winterlich hier in Nordfinnland. Nachts haben wir immer Minusgrade und tagsüber meist nur knapp über Null Grad. Unser Alltag hat sich dadurch sehr verändert und wir müssen uns auf diese neuen Bedingungen noch einstellen. Bis vor kurzem haben wir uns hauptsächlich in Seen und Flüssen gewaschen oder unsere Outdoor-Dusche am Bus benutzt. Das letzte zähneklappernde Seebad ist erst ein paar Tage her, aber schon da hat es nur noch für eine Katzenwäsche gereicht und Haarewaschen habe ich gar nicht mehr über mich gebracht. Mehr oder weniger durch Zufall sind wir auf die Möglichkeit mit den Uimahallis gestoßen und haben unsere Route so geplant, dass wir bis Norwegen regelmäßig alle paar Tage eine Schwimmhalle ansteuern können. Wenn man in einem so kleinen Camper wie unserem unterwegs ist, muss man immer wieder Abstriche machen. Eine Dusche jeden Morgen oder Abend, gar mit warmem Wasser, ist ein Luxus, den wir schon lang nicht mehr haben. 

Im Inneren des grünen Gebäudes sieht es tatsächlich aus wie in einer Schule zur Ferienzeit: ein graues Treppenhaus, lange leere Gänge, in einer Ecke steht schweigend ein kaputter Snackautomat. Wir schauen uns ein wenig um und sehen ein Wappen an der Wand, unter dem „Finnische Grenzpolizei“ steht. Wir befinden uns also in einer militärischen Einrichtung. Nichts rührt sich und wir fragen uns, wohin die Rentner alle verschwunden sind, bis ich eine blaue Linie entdecke, die in den Keller führt. 

Unten sitzt ein sehr freundlicher Herr in einem kleinen Bezahl-Häuschen, knöpft uns drei Euro für zwei Stunden Sauna ab und zeigt uns serviceorientiert die Umkleidekabinen. Wir haben die Uimahalli gefunden.

Als ich wenig später unter der wohlig-heißen Dusche stehe, denke ich darüber nach, wie wenig man diese Dinge im Alltag zu schätzen weiß. Und nehme mir fest vor, mich nach unserem Vanlife-Abenteuer immer wieder darüber zu freuen, dass ich einfach nur das warme Wasser andrehen und mich nicht erst auf militärisches Gelände begeben muss. 

Sauna-Barbecue

„Was soll das heißen: Es ist kein Holz da?“ Überrascht schaue ich Mathias an, der gerade aus dem Brennholz-Schuppen auf den moosigen Waldboden tritt. Er zuckt mit den Schultern und zeigt hinter sich. „Das Lager ist leer“, informiert er mich dann. „Da sind nur noch ein paar letzte Scheite drin“. Ich lasse mich frustriert auf der Bank neben dem Lavu nieder. Wir sind ungefähr eine Stunde durch den finnischen Wald zu diesem Picknickplatz gestapft, um den Tag ganz landestypisch zu verbringen: Wandern, Sauna, Barbecue – der Finnen liebste Freizeitbeschäftigungen. Dass es dafür nicht nur Schutzhütten mit Feuerstelle, sondern, wie hier, auch eine Jedermann-Sauna im Wald gibt, ist allerdings nicht der Normalfall. Als schmalbudgetierte Vollzeitreisende im finnischen Herbst können wir die Gelegenheit einer Gratis-Sauna (und Wäsche) nicht liegen lassen und haben für diese Wanderung einen beträchtlichen Umweg in Kauf genommen. Umso enttäuschender, dass wir scheinbar zu einem ungünstigen Zeitpunkt gekommen sind und Wanderer vor uns den Holzvorrat, den die Gemeinden an solchen Plätzen zur Verfügung stellen, aufgebraucht haben. Wie zum Hohn glimmen in der Feuerstelle noch ein paar letzte Kohlen träge vor sich hin. 

Frustriert schnallen wir die Rucksäcke ab und umrunden langsam Schutzhütte, Plumpsklo und Sauna, um vielleicht doch noch brennbares Material zu finden – schließlich befinden wir uns im Wald, wie ich lautstark kund tue, „da muss man doch ein Feuer machen können!“. Doch unsere Ausbeute ist ernüchternd und ich muss mich mit dem Gedanken anfreunden, dass aus dem typisch finnischen Nachmittag heute nichts wird. Wir starren eine Weile resigniert auf die wenigen trockenen Zweige, die wir zusammentragen konnten, dann spricht Mathias das Offensichtliche aus: „Sauna oder Barbecue – für beides reicht’s auf keinen Fall!“ „Na dann Barbecue“, sage ich, hungrig vom Wandern und mit dem Gedanken an die finnischen Grillwürste in meinem Rucksack. Gleichzeitig fügt Mathias hinzu: „Ich heiz dann mal die Sauna an.“

In Finnland gibt es Schätzungen zufolge zwischen zwei und drei Millionen Saunen. Das bedeutet, dass theoretisch alle Finnen gleichzeitig in die Sauna gehen könnten und sogar noch Platz für ein paar Touristen wäre. Die Art und Weise, wie man in Finnland in die Sauna geht, unterscheidet sich jedoch stark von der Saunakultur in Deutschland. Der Grundmechanismus ist zwar derselbe – es ist ziemlich heiß und man kühlt sich hinterher ordentlich ab -, aber in Finnland ist die Sauna eine zutiefst soziale Angelegenheit. Hier werden Probleme gewälzt, ernsthafte Gespräche geführt, getratscht, gelacht und angeblich sogar politische Entscheidungen getroffen. Die Sauna ist ein Ort, an dem Familien zusammenkommen und Freundschaften gepflegt werden. Ich habe in öffentlichen Saunen (die übrigens streng nach Geschlechtern getrennt sind) auch schon sehr junge und sehr alte Menschen getroffen. Saunieren ist hier weit entfernt vom kinder- und störungsfreien Schweige-Wellness, das in deutschen SPAs und Saunatempeln praktiziert wird. Die Finnen tauen in der Sauna wortwörtlich auf, werden hier erst richtig gesprächig und zischen nicht selten rülpsend ein Bierchen, während sie beständig Wasser auf die heißen Steine kippen.

Man hält in Finnland auch nichts von „Ruhepausen“ zwischen den einzelnen Saunagängen, wie sie bei uns häufig angemahnt werden. Raus aus der Sauna, rein in den kalten See, und während das Herz-Kreislauf-System noch den Kälteschock überwindet, sitzt der Finne schon wieder auf dem Holzbänkchen und öffnet sich das nächste Bier. 

Davon sind Mathias und ich in diesem Moment aber noch weit entfernt. Ein handfester Interessenskonflikt bahnt sich an: Sauna oder Grillen? Ich argumentiere, getrieben von meinem grummelnden Magen, dass Sauberkeit sowieso überbewertet wird, und Mathias weist darauf hin, dass Gratis-Saunen in der Regel seltener vorbeikommen als Supermärkte und wir schließlich nur deswegen hierher gewandert sind. 

Am Schluss ist die Lösung so einfach wie naheliegend: Während Mathias den Saunaofen anheizt, suche ich zwei lange Stecken im Wald und spitze die Enden an. Nachdem wir beide ausgiebig geschwitzt und gebadet haben, ist im Saunaofen gerade noch genug Glut, um zwei Würstchen darüber zu grillen. 

Ein finnisches Schnäppchen

Die Unterhose, die Mathias gerade grinsend in die Höhe hält, ist türkis und hat einen Gummizug in Regenbogenfarben. Lange Beine und ein seitlicher Eingriff machen das Kleidungsstück perfekt. „Was meinst du?“ fragt er mich grinsend, und ich bin mir ehrlich gesagt nicht sicher, ob das eine ernst gemeinte Frage ist und er tatsächlich den Kauf dieser individuell-kreativen Unterbekleidung erwägt. Ich rette mich in ein verlegenes Lachen und verschwinde schnell im nächsten Gang.

Seitdem wir in Finnland sind, die Tage kühler und kürzer werden, haben wir eine neue Lieblings-Freizeitbeschäftigung gefunden, die typisch finnisch ist: Kirppis. Zu deutsch Flohmarkt, obwohl das das Konzept nicht ganz beschreibt. Kirppis, oder Kirpputori, ist eher eine Mischung aus Trödelmarkt und Sozialkaufhaus und es gibt in jeder größeren oder kleineren Stadt mindestens einen. Meist in Lagerhäusern, deren Fläche mit Regalgängen gefüllt ist, die wiederum in einzelne Parzellen unterteilt sind. Das Prinzip funktioniert so: Man mietet sich eine dieser Parzellen und packt alles rein, was man loswerden möchte. Mit Preisschild und Nummernetikett versehen, können die Käufer die Sachen zur zentralen Kasse bringen. Es gibt sogar Kirppise, wo man mit der Kreditkarte bezahlen kann. Die Verkäufer bekommt man nicht zu Gesicht, obwohl wir uns gern einen Spaß daraus machen, uns die Vorbesitzer anhand der Sachen, die sie zum Verkauf anbieten, vorzustellen. Mann, Frau, groß, klein, alt, jung? Bei der regenbogenfarbenen langen Unterhose versagt mir allerdings die Fantasie, und ich hoffe nur, dass ich den zukünftigen Besitzer nicht bereits vor ein paar Monaten kennen gelernt habe.

Kirppis bietet dementsprechend ein Sammelsurium aus den unterschiedlichsten Gegenständen in den unterschiedlichsten Aggregatszuständen. Von der bestens erhaltenen Motorradkluft bis zur abgewetzten Babypuppe ist alles dabei. Aber zwischen ziemlich viel KrimsKrams, Rumsteherlen und Schrott findet man immer wieder kleine Schätze und Nützliches (ich bereue es immer noch, dass wir im letzten Kirppis die Heizdecke für 5 Euro liegen lassen haben). In Kokemäki beispielsweise habe ich mich für 21 Euro komplett neu eingekleidet – inklusive Schuhe und Schal. Und so schlendere ich jetzt durch die Gänge auf der Suche nach einem neuen Kochtopf  – bei unserem ist der Griff abgebrochen – oder dem ein oder anderen Schnäppchen. Während Mathias noch durch die Herrenabteilung stöbert, gehe ich in den Nebenraum. Und erspähe, unter einem Papppferd und einer Kinderwiege, die von der Decke baumeln, eine große Auswahl an – ich kann es selbst kaum glauben – Langlaufskiern. Die Temperaturen hier in Nord-Ost-Finnland, kurz vor der russischen Grenze, legen den Gedanken an die ein oder andere Langlauftour bereits nahe und ich habe es schon bereut, dass ich keine Skatingski dabei habe. Schnell baue ich mich vor der Langlaufabteilung auf, mit möglichst breitem Kreuz, um anderen Schnäppchenjägern den Blick auf meine potenzielle Beute zu versperren. Der erste Blick ist etwas ernüchternd. Die meisten Ski haben völlig veraltete Bindungen, tiefe Kratzer oder schlicht die falsche Größe. Ich lehne mich nach vorne, wühle noch etwas tiefer und ziehe schließlich einen blauen Skatingski hervor. Der Schnellcheck lässt hoffen: Die Bindung sieht ordentlich aus, die Kratzer sind nicht allzu tief und er hat genau die richtige Größe. 

„Die tun’s noch eine Weile“, befindet der eilends herbeigerufene Ski-Experte aka Mathias. Und auch dem Belastungstest auf dem Scheunenboden halten die Ski stand. Mit klopfendem Herzen trage ich die Bretter zur Kasse, um den Preis zu erfragen – unser Budget gestattet eigentlich keine größere Anschaffung. Die ältere Dame (es sind immer ältere Damen, die bei Kirppis an der Kasse sitzen und gleichzeitig Kuchen verkaufen) schürzt die Lippen und wiegt den Kopf hin und her, als ich ihr fragend die Ski entgegen strecke. Gehandelt wird im Kirppis nicht, „nimm’s oder lass es“ ist die Devise. „Fünf Euro“ lautet ihr Urteil. 

Seither fahren wir ein drittes Paar Ski auf dem Dachträger herum. Der Winter kann kommen.

Der (un)sympathische Koch für unterwegs

Das Wasser kocht schon nach wenigen Minuten. Schnell ziehe ich den Kopf zurück, als ein Windstoß in den Ofen fährt und die Flammen auflodern lässt. Mathias hat sich schon häufiger den Bart versengt und abgebrannte Haare sind definitiv eine Vanlife-Erfahrung, die ich nicht machen muss. Der hat ganz schön Power, denke ich, füttere den Ofen aber trotzdem weiter mit kleinen Zweigen. 

Seit ein paar Tagen sind wir zu dritt unterwegs. Im Gegensatz zu anderen Vanlifern bedeutet das bei uns aber nicht, dass wir ein Hundebaby adoptiert haben, das fortan mit uns durch Europa reist. Sondern wir haben letzte Woche in Helsinki den Rest unseres – ohnehin sehr schmalen – Monatsbudgets in einen sogenannten „hobo stove“ investiert. Ein kleiner, zusammenklappbarer Holzofen aus Metall, der sich perfekt in unser Bücherregal schieben lässt und hoffentlich in den nächsten Monaten unser Energieproblem löst. In den letzten Tagen ist er jedenfalls bereits zu einem unverzichtbaren Reisegefährten geworden.

Schließlich wollen wir den Herbst und Winter in Skandinavien verbringen – bei Minusgraden und wenig Licht. Bisher haben wir immer mit Gas gekocht oder mühevoll ein großes Lagerfeuer entzündet. Wie alles andere sind die Gaskartuschen für unseren Kocher in Skandinavien allerdings unglaublich teuer und Lagerfeuer machen dauert häufig so lang, dass wir eigentlich schon anfangen müssten, bevor wir Hunger bekommen. Der kleine Hobo dagegen frisst nur trockenes Holz, das, zumindest jetzt noch, überall ausreichend und umsonst verfügbar ist und ist in wenigen Sekunden von Null auf Hundert. Zu unserem Tagesablauf addiert das allerdings die Aufgabe, kleine, trockene Äste zu sammeln und in handlange Stücke zu brechen. Davon fahren wir seit neustem immer einen kleinen Sack voll mit uns herum (als wäre der Bus nicht schon beladen genug).

Außerdem können wir, obwohl wir den „big angry stove“, die größte verfügbare Variante, genommen haben, immer nur einen Topf erhitzen. Nudeln oder Soße: Eins von beidem wird immer kalt.

Aber während ich im Sand knie und dem Hobo einen Zweig nach dem anderen in sein gefräßiges Maul schiebe, rauscht hinter mir die finnische Ostsee. Mathias ist gerade dabei, den Tisch vom Dach zu schrauben, die Stühle unter dem Schrank hervor zu ziehen und alles am Strand aufzustellen. Beim Essen werden wir aufs Meer schauen und uns trotz allem unglaublich privilegiert fühlen, während wir unsere kalte Pasta kauen. 

Nur einen gravierenden Nachteil hat der Hobo: Die Glut reicht selten zum Marshmallows rösten.

Eine einschlägige Erfahrung

Es ist ja nicht so, als wären wie nicht gewarnt worden. Vor ein paar Tagen haben wir in Rumänien zwei Tramper mitgenommen, ein Pärchen aus der Ukraine, wie sich herausgestellt hat. Natürlich haben wir die Gelegenheit genutzt und sie ein bisschen über ihr Land ausgefragt. Viel wussten sie nicht zu sagen, aber eins hat der Mann nachdrücklich und mehrfach wiederholt: „Roads in Ukraine are very bad!“ Jaja, kennen wir, haben wir abgewunken, in Rumänien und auf dem Balkan auch. „No no“, hat er betont, „really bad. Really really bad!“

Daran erinnere ich Mathias, der, während wir jetzt über diese „really bad roads“ rumpeln, ziemlich verspannt auf dem Beifahrersitz sitzt, als wäre es sein Fahrgestell, das in diesem Moment so schwer gebeutelt wird, nicht das des Busses. „Der Typ hat’s uns doch gesagt“, klugscheiße ich, obwohl ich mir eingestehen muss, dass ich die Straßenverhältnisse ebenfalls unterschätzt habe. „Können wir nicht über eine größere Straße fahren?“ fragt Mathias gequält. „Das ist die größte Straße hier in der Gegend“, erwidere ich, während ich das Lenkrad scharf nach rechts reiße, um einem besonders tiefen Krater auszuweichen. 

Wir sind unterwegs in Richtung Lemberg/Lviv, und haben uns für die Strecke durch Transkarpatien entschieden, in der Hoffnung, hier bessere Stellplätze, frisches Wasser und weniger Hitze zu finden. Das spielt im Moment allerdings alles keine Rolle, denn wir sind ganz darauf konzentriert, unseren Bus unbeschadet über dieses Minenfeld von einer Straße zu manövrieren. Rund 45 Kilometer haben wir schon geschafft, noch mindestens 40 liegen vor uns. Dafür werden wir vermutlich den restlichen Tag benötigen, denn aktuell quälen wir uns mit 20 bis 25 kmh dahin. Die Straße verdient die Bezeichnung Straße eigentlich überhaupt nicht. Es handelt sich im besten Fall um eine Aneinanderreihung von Asphaltflicken, im schlimmsten Fall sind die Schlaglöcher so groß, tief und so eng beieinander, dass der Bus immer wieder aufsitzt. An den Rändern franst der Asphalt aus, als hätten große Nagetiere in angeknabbert, manchmal bricht er auch in einer scharfen – und tiefen – Kante ab. Das Fahren erfordert vollste Konzentration. Trotzdem ist es nahezu unmöglich, allen Schlaglöchern auszuweichen. Meistens kann ich nur in Sekundenschnelle entscheiden, WELCHES Schlagloch ich mitnehme. Das OB ist schon längst keine Option mehr. Manchmal hilft es, neben der Straße auf dem Schotter zu fahren, allerdings nur, wenn der Streifen breit genug ist.

Diese Umstände führen dazu, dass jedes Fahrzeug, egal ob Auto, LKW oder Moped, in Schlangenlinien fährt. Es ist ein wildes Durcheinander, in dem jeder versucht, die beste Linie zu finden. Fahrspuren existieren nicht und auch die Geschwindigkeiten sind sehr individuell. Wir werden von alten, rostigen Ladas überholt und kriechen hinter riesigen, vollbeladenen Lastwagen her. Irgendwann lässt Mathias etwas Luft aus den Reifen, damit es uns nicht mehr ganz so wild hin und her schlägt. Noch nicht mal mein Standard-Satz für schlechte Straßen – „Lukomir war schlimmer!“ – lässt sich hier anbringen: Das hier ist definitiv schlimmer als unser Trip nach Lukomir!

Der Ritt durch die ukrainischen Karpaten dauert tatsächlich noch den ganzen Tag. Als wir endlich, am späten Nachmittag, einen Stellplatz gefunden haben, meine ich, sogar unseren Bus erleichtert aufatmen zu hören. „Ab jetzt fahren wie nur noch Autobahn – und wenn‘s ein Umweg von 100 Kilometern ist!“, sagt Mathias.

Na schauen wir mal.

« Ältere Beiträge

© 2019 on the happyroad

Theme von Anders NorénHoch ↑