Die Ränder der Straße verschwimmen vor meinem Blickfeld. Ich kneife die Augen zusammen und starre angestrengt geradeaus, um die Fahrbahn besser erkennen zu können. Wenn man die holprige und von Schlaglöchern übersäte Piste, über die ich den Bus gerade lenke, überhaupt als Fahrbahn bezeichnen kann. Zum schlechten Straßenzustand kommt hinzu, dass ich in diesem Moment zugegebenermaßen ziemlich betrunken bin. 

Es ist früher Nachmittag und wir sind vor ungefähr zwei Stunden im Tara Nationalpark in Serbien angekommen. In der Kafane am Dorfplatz haben wir Andi kennen gelernt, einen Bosnier, der in Graz lebt und hier in einem Bergdorf sein „Vikend-Haus“ hat. Gedrungen, bullig, mit Muscle-Shirt, aus dem das lockige Brusthaar quillt und breiter Silberkette um den Hals entspricht er dem Klischee des Mannes vom Balkan. Seine Frau Mira daneben ist blond, schlank und sportlich gekleidet. Die beiden haben uns, in typisch balkanesischer Gastfreundschaft, angeboten, unseren Camper heute Nacht vor ihrem Haus zu parken. Im Restaurant in seinem Dorf gäbe es auch WLAN, hat Andi versprochen, und wenn nicht, könnten wir gern seins benutzen. Darüber bin besonders ich sehr erleichtert, denn ich muss meine Kolumne an die Zeitung schicken und bin schon den ganzen Tag auf der Suche nach Internet. Bevor wir in sein Dorf fahren, haben wir uns in die Kafane (die Miras Bruder gehört) gesetzt und Andi hat für mich Bier und für Mathias, der kein Bier verträgt, einen regional typischen Schnaps bestellt. Auf leeren Magen war mir der halbe Liter eine zu große Herausforderung, aber da ich unseren Gastgeber nicht vor den Kopf stoßen wollte, habe ich schnell ein warmes Sandwich mit viel Käse und Fett dazu geordert. Mathias allerdings hatte nicht die Möglichkeit, den Alkohol mit einem glutenfreien Mittagessen aufzusaugen, und kaum waren unsere Gläser leer, hatte Andi bereits die nächste Runde bestellt. Unsere Einwände, einer von uns müsse fahren, wurden mit dem Satz: „Ach, hier gibt es keine Polizei, alles egal!“, weggewischt. Als wir schließlich aufbrechen – Andi drückt seinen Autoschlüssel Mira in die Hand, die die ganze Zeit an ihrem Orangensaft genippt hat – stellt sich für Mathias und mich die Frage, wer von uns beiden weniger betrunken ist. Dank meines Mittagessens fällt die Wahl auf mich und so versuche ich jetzt, auf dieser Schotterpiste (denn natürlich führt in das Bergdorf keine normale Straße) den Anschluss an Mira nicht zu verlieren, die ihren Geländewagen elegant um die Kurven und Schlaglöcher steuert. Im Dorf angekommen parken wir direkt vor dem Restaurant, dem – Überraschung – das WLAN gerade ausgefallen ist. So langsam wird immer deutlicher, dass Andi nicht nur rein äußerlich durch und durch Balkan-Style ist.

Wir setzen uns ins Restaurant und Mathias muss drei weitere Schnäpse trinken, während Andi seine persönlichen Taten und Errungenschaften preist und Mira mir Fotos von ihren Enkelkindern zeigt. Mit halbem Ohr höre ich zu, wie Andi dem glasig dreinblickenden Mathias erklärt, der Schnaps, den er gerade trinke, werde kubikliterweise nach Frankreich exportiert, weil er so herausragend gut sei, er selbst entwickle in Graz das Auto der Zukunft („Das fährt mit Luft!“) und sei außerdem einer der führenden Köpfe von Putins Nachtwölfen, was ein Aufkleber auf seinem Handy beweisen soll. Wenn das stimmt, schießt mir kurz durch den Kopf, ist der Typ wahrscheinlich ein Verbrecher und wir sollten schleunigst hier weg. Aber dann fällt mir wieder ein, wo wir uns befinden und da ich auf jahrelange Erfahrungen mit dem bosnischen Hang zu Übertreibungen zurückgreifen kann, beruhige ich mich schnell wieder. Ich nehme mir trotzdem vor, unseren Gastgeber nicht in politische Gespräche zu verwickeln.

Letztendlich parken wir den Bus hinter Andis Haus in der Wiese. Das versprochene WLAN entpuppt sich als das des Nachbarn und während Mathias Andi und seinem Kumpel beim Reparieren eines Motorrollers hilft, klebe ich am Gartenzaun und versuche, genug Signal einzufangen, um einen Text inklusive Foto abzuschicken. Aus den Augenwinkeln sehe ich dabei, wie der Kumpel die Schnapsflasche auspackt. Der Motorroller wird heute vermutlich nicht mehr repariert.