In der nördlichsten Whiskeydestillerie der Welt gibt es keinen Whiskey. Etwas ratlos stehen Mathias und ich im Eingangsbereich, der gleichzeitig als Café dient. Wir haben den Abstecher hierher gemacht, weil ich auf der Fähre über den Lyngenfjord eine Werbeanzeige entdeckt habe: Besuchen Sie „Arctic Spirit“, die nördlichste Destillerie der Welt, erfahren Sie alles über die norwegische Whiskey-Tradition und nehmen Sie teil an einer Whiskey-Verkostung – oder so ähnlich. „Los, das schauen wir uns an“, habe ich Mathias überredet, im Hinterkopf den vagen Plan, meinem Vater eine Flasche des nördlichsten Whiskeys der Welt mit nach Hause zu bringen und ziemlich neugierig, wie es vor Ort wohl aussieht. Norwegen und Whiskey bringt man gemeinhin nicht in unmittelbaren Zusammenhang und schon allein deshalb muss ich mir das ansehen. 

Umso erstaunter bin ich, als die Touristenführerin, die gleichzeitig Barkeeper, Bedienung, Souvenirverkäuferin und Whiskeyexpertin ist, uns erklärt, dass wir hier keinen Whiskey kaufen können. Das liege zum einen daran, dass es die Destillerie erst seit 2016 gebe, 2017 habe man den ersten Whiskey angesetzt und jeder gute Whiskey brauche nun mal mindestens drei Jahre Reifezeit. „Man kann ihn auch nach einem Jahr schon abfüllen, wie es die Amis machen, und das dann Bourbon nennen“, erläutert sie mit vielsagendem Blick. Man sehe sich hier aber in der schottischen Whiskeytradition, und auch wenn sie es nicht direkt ausspricht wird klar: Von so etwas wie Bourbon hält man bei Arctic Spirits nichts. Neben Whiskey werden hier aber auch der norwegischen Traditionsschnaps Aquavit, Vodka (“für die russischen Touristen“) und ein erstaunlich guter „Arctic Gin“ produziert, wie ich nach einem Probiergläschen zugeben muss. Bivrost nennt Arctic Spirit seine Spirituosen, das Vikinger-Wort für Nordlicht. Denn die Vikinger glaubten, dass das Nordlicht eine Brücke ins Jenseits darstellt, die Verbindung zwischen zwei Welten. Ein passender Name für Hochprozentiges. 

Der zweite Grund, warum die Destillerie keinen Whiskey – und auch sonst keinen Alkohol verkauft – sind die strengen norwegischen Gesetze. Alkohol kann man grundsätzlich nur in speziellen Läden kaufen, und obwohl die Norweger durchaus ein inniges Verhältnis zu ihrem Aquavit haben, ist das Thema Alkohol gesellschaftlich noch immer nicht besonders angesehen. Bis vor knapp 15 Jahren habe lediglich der Staat Spirituosen herstellen dürfen, die Lizenzen sind nach wie vor teuer und der bürokratische Aufwand enorm, erfahren wir. Das muss es für eine neue Destillerie doch unglaublich schwer machen, sich zu etablieren? frage ich. Deswegen, erklärt sie uns, habe man von Anfang an auf die Tourismusindustrie gesetzt. Ausländer hätten ein entspannteres Verhältnis zum Alkohol und kein Problem damit, eine Destillerie um ihrer selbst Willen zu besuchen. 

„Strategie voll aufgegangen“, beglückwünschen wir sie und bringen nochmal unser Bedauern zum Ausdruck, dass wir nun erst in den nächsten Alkoholladen fahren müssen, um eine Flasche von dem guten Gin zu kaufen. Ganz umsonst sind wir aber nicht hergekommen: Sie führt uns in einer Speed-Tour durch die restlichen Räume der Destillerie, wir bestaunen den riesigen Destillationsapparat, der wie eine Steampunk-Maschine in einer hohen Halle steht, werfen einen Blick in einen alten Nato-Bunker, wo die Fässer gelagert werden und schauen bei der Qualitätskontrolle zu.

Als wir die Destillerie verlassen, haben wir trotzdem eine Menge über Whiskey gelernt, in meinem Fall einen leichten Dusel und in der Tasche die Visitenkarte vom nächsten Alkoholladen.