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Vom Balkan zum Nordkap

Schlagwort: Rumänien

Milch in der PET-Flasche

Der Mann nähert sich unserem Lagerfeuer, unter dem Arm ein paar lange Stöcke und Äste. Er geht nicht ganz gerade, aber ob es am unebenen Untergrund liegt, an der Bergwiese, auf der unser Bus heute parkt, können wir nicht erkennen. Als er beim Lagerfeuer ankommt, lässt er das Holz fallen, deutet abwechselnd auf unser Feuerchen, unsere Axt und das Holz, und lässt einen rumänischen Wortschwall vom Stapel. Unser Wortschatz beschränkt sich nach wie vor auf „Prost“, „gute Fahrt“ und „vielen Dank“, aber seine Gesten machen klar, dass er uns das Holz für’s Feuer gebracht hat, das er ein wenig zu klein findet. Mit beiden Armen wedelnd fordert er uns auf, noch einmal mit ihm Holz suchen zu gehen – das können wir kaum abschlagen, unser Holzstoß ist tatsächlich etwas mickrig. „Der ist betrunken“, raunt Mathias mit während des Holzsammelns zu. Und tatsächlich, unser Kollege schwankt über die Wiese wie ein Landei bei Seegang. Als wir genug Holz gesammelt haben, spendieren wir ihm ein Bier zum Dank, das er, neben unserem Feuer sitzend, genüsslich trinkt. Er hat ein offenes Gesicht, wettergegerbt, und sein Hirtenstab weist ihn als einen der Männer aus, die den ganzen Tag mit ihren Kühen oder Schafen durch die Berge ziehen. Am Feuer sitzend redet er ununterbrochen auf uns ein, die Tatsache, dass wir nichts verstehen, scheint ihn nicht zu stören. Als die Bierflasche leer ist, gibt er jedem von uns die Hand und wackelt fröhlich pfeifend den Pfad hinunter.

Ein paar Tage später mühe ich mich gerade fluchend damit ab, mit Holzstücken, die man bestenfalls als halbtrocken bezeichnen könnte, ein Feuer in Gang zu bringen. Wir haben unser Lager am Rande eines kleinen Dorfes am Bach aufgeschlagen, durch die Bäume sehen wir gerade noch die letzten Bauernhäuser und Kuhställe. Um uns herum dichter Nadelwald, der noch dampft vom letzten Regenguss. Eine alte Frau mit einem kleinen Mädchen an der Hand, beide mit Kopftuch und Gummistiefeln, kommt den Bach entlang auf mich zu. Hoffentlich hat sie nichts dagegen, dass wir hier nächtigen, denke ich. Bisher haben wir nur gute Erfahrungen gemacht, aber natürlich kann man nie sicher sein, wie Einwohner reagieren, wenn plötzlich ein Camper am Dorfrand steht. Neben mir angekommen streckt die Kleine schüchtern die Hand aus. Mit ein bisschen Ermutigung von ihrer Oma gibt sie mir schließlich eine Handvoll wilder Himbeeren. „Multumesc“, sage ich und denke zum wiederholten Mal, wie freundlich die Rumänen doch sind. Dabei erinnere ich mich an eine Szene kurz vor unserer Abreise, als wir meine Eltern im Südwesten besucht haben.

Meine Mutter und ich standen auf einen kurzen Tratsch mit der Nachbarin auf der Straße. Baden-Württembergisch-ländliche Frühsommeridylle, blauer Himmel, blühender Flieder und angenehme 25 Grad. Ich erzählte der Nachbarin, eine Frau im selben Alter wie meine Mutter, von unseren Reise- und Vanlifeplänen, wo es hingeht und wie lang. Sie schaute irgendwann zu meiner Mutter und fragte: „Hast du da keine Angst, wenn sie in solchen Ländern unterwegs ist?“ Mit solchen Ländern meinte sie den Balkan und Rumänien. Meine Mutter hat damals sehr locker reagiert und gesagt: „Nein, wieso? Da war ich auch schon überall, die Leute sind total nett.“

Nachdem wir bereits drei Wochen in Rumänien unterwegs sind, haben wir in erster Linie eins festgestellt: Rumänien und die Rumänen sind deutlich besser als ihr Ruf. Wir haben uns noch nie unsicher gefühlt, bedroht oder auch nur unwillkommen. Den Gasmelder, den wir als Sicherheitsmaßnahme in unseren Camper eingebaut haben, haben wir in Rumänien noch nie benutzt. Keiner hat versucht, uns über’s Ohr zu hauen, zu betrügen oder zu bestehlen. Im Gegenteil, die meisten Leute sind sehr freundlich, neugierig und offen und versuchen häufig, sich mit uns zu unterhalten (auch wenn es mangels Fremdsprachenkenntnisse nicht immer einfach ist). 

Darüber denke ich nach, während ich mich weiterhin mit dem Feuer abmühe. Plötzlich steht die alte Frau wieder vor mir und reicht mir einen Eimer mit trockenem Holz. Meine gestammelten Dankesbekundungen winkt sie ab und geht wortlos zurück ins Dorf. 

Eine halbe Stunde später, das Feuer wärmt und mittlerweile die Zehen, sind Mathias und ich immer noch baff von so viel Freundlichkeit. Aber diese Dorfbewohner setzen noch einen drauf. Ein älterer Mann steht auf einmal neben dem Bus, reicht uns eine große PET-Flasche, die dem Etikett nach zu urteilen einmal Pfirsicheistee enthalten hat, und sein Handy, das Mathias sich ans Ohr drückt. Am anderen Ende sagt ein junger Mann in perfektem Englisch: „This man is my father. He wants to give you two litres of milk. Is there anything else we can help you with or that you need?“ Jetzt sind wir völlig geflasht und fangen an, uns Sorgen zu machen, ob wir schon so abgerissen und bedürftig aussehen, dass die Leute uns Almosen geben? Wir nehmen die Milch dankend an, lehnen aber alle anderen Angebote ab und als der alte Mann zurück ins Dorf geht beschließe ich, mir am nächsten Tag mal wieder die Haare zu waschen. 

Gewitter

Den ersten Lagerkoller bekommen wir, als wir seit ungefähr sechs Wochen unterwegs sind. Die letzten drei Tage haben wir an einem Stausee in den Bergen des Retezat Nationalpark gecampt. Schon bei unserer Ankunft hing grollend ein Gewitter in den Bergen, das sich in der Nacht lautstark und bildgewaltig über uns entladen hat. Der Beginn einer Schlechtwetterfront, die neben Regen vor allem kalte Luft gebracht hat. In diesen drei nebeldunstigen Tagen, die wir, noch sonnen- und sommerverwöhnt, darauf gewartet haben, dass es endlich genug aufklart um wandern zu können, ist zwischen Mathias und mir auch ein Unwetter aufgezogen, das sich heute Abend entladen soll.

 „Ich weiß nicht, ist mir egal“, sage ich achselzuckend und bleibe demonstrativ im Bus sitzen. Wir suchen seit ungefähr einer Stunde einen Stellplatz in den grünen waldigen Hügeln um Sibiu. Eigentlich wollten wir heute Morgen zeitig los, aber bis wir all unseren Kram verstaut hatten, hat es wieder einmal länger gedauert, als uns lieb ist. Zwar hat jedes Teil in unserem Bus seinen Platz, aber hin und wieder definieren Mathias und ich diesen Platz sehr unterschiedlich. Während ich beispielsweise meine Sonnenbrille am liebsten irgendwohin lege, legt Mathias sie immer aufs Armaturenbrett.Kompliziert wird die Sache, wenn einer von uns meint, einen besseren Platz für einen Gegenstand gefunden zu haben, ohne das dem anderen mitzuteilen. Auch wenn wir von Woche zu Woche effizienter werden: Die Wahrheit ist, dass wir einen großen Teil unseres Alltags damit verbringen, Dinge hin und her zu räumen und anschließend zu suchen. Für jemanden wie mich, mit einem eher kreativen Verständnis von Ordnung, kein Problem. Für Mathias, mit einem praxisorientierten Verständnis von Ordnung, eine mittelschwere Katastrophe. Ein erstes Krisengespräch am vergangenen Abend verlief ungefähr so wie die Debatten im UN-Sicherheitsrat. Jeder sagt seine Meinung, aber am Schluss gibt es keine gemeinsame Resolution.

So sind wir heute Morgen also bereits mit einem Bussegen in Schieflage gestartet. Ich habe außerdem Migräne und schon den ganzen Tag unterschwellig schlechte Laune. Was genau mich an dem Stellplatz, den Mathias in den Hügeln gefunden hat, stört, kann ich gar nicht sagen. Es ist ruhig, die Aussicht reicht über halb Siebenbürgen, wir stehen nicht auf Privatgrund und für eine Nacht ließe es sich hier absolut aushalten. 

„Also i find’s a guats Platzl“, versucht Mathias mich in seinem schönsten österreichisch zu überzeugen. Ich schaue auf den malerischen Feldweg, auf dem wir stehen, die Blumenwiese neben dem Bus, das traditionelle rumänische Kreuz an der Weggabelung und die himmelweite Aussicht: Ich finde es zum Kotzen. „Hrpmf“, grumpfe ich vor mich hin, die Arme trotzig vor der Brust verschränkt. Ich muss Mathias gar nicht anschauen, ich kann sein Augenrollen förmlich spüren. „Okay, was genau passt dir denn nicht an dem Platz?“, fragt er, und ich höre, wie er sich krampfhaft bemüht, nicht genervt zu klingen. Selbstverständlich nervt mich das noch mehr und ich beschließe, gar nichts mehr zu sagen. „Jetzt sag’s halt“, Mathias schafft es immer weniger, einen halbwegs entspannten Tonfall beizubehalten. Ich schweige und die Sekunden ziehen sich wie Gummi-Expander. 

„Das Gras ist mir zu hoch!“, schnappe ich schließlich. Mathias steigt seelenruhig ins Auto, startet den Motor und brettert wortlos den Feldweg hinunter.

An diesem Abend tagt der UN-Sicherheitsrat am Rande einer kleinen Heuwiese, ohne Aussicht und mit einer Meute aggressiver Hirtenhunde vor der Tür. An der gemeinsamen Resolution wird noch gearbeitet.

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