on the happyroad

Vom Balkan zum Nordkap

Schlagwort: Roadtrip

Steig ein und fahr mit!

Unser Projekt: Ein Winter in Nordeuropa auf der Suche nach Nordlichtern, Polarfüchsen und Skitouren. Dabei kannst du uns jetzt unterstützen.

Warum uns unterstützen?

Unterwegs dreht Mathias Videos, Sarah schreibt Artikel und Blogbeiträge und über unseren Instagram-Account zeigen wir schöne Fotos von unserer Reise. Wir geben außerdem Tipps zum Leben im Van, zum eigenen Ausbau und zum Reisen mit kleinem Budget. All das machen wir aus Spaß am Bloggen, am Reisen und am Vanlifen. Unsere Beiträge sind für jede und jeden zugänglich und gebührenfrei.

Was wir mit deiner Unterstützung machen?

Mit deinem Beitrag unterstützt du uns in erster Linie bei unseren Blogaktivitäten. Wir haben zum Beispiel laufende Kosten für unsere Homepage oder Internet, die wir mit deiner Hilfe senken können.

Als Vollzeitreisende brauchen wir, davon abgesehen, natürlich vor allem eins: Diesel. Nur wenn wir unterwegs sein können, haben wir auch spannende Geschichten zu erzählen und außerdem sorgt die dieselbetriebene Standheizung dafür, dass wir im skandinavischen Winter nicht erfrieren.

Was bekommst du dafür?

Neben unserer unendlichen Dankbarkeit haben wir kleine Vanlife-Pakete mit Dankeschöns für dich geschnürt.

Außerdem bleiben unsere Videos und Blogbeiträge werbe- und gebührenfrei – wer will schon Werbung auf Youtube sehen und nervige Afiliate-Banner auf der Homepage? 

Wir freuen uns über jeden noch so kleinen Beitrag.

Hier geht es zu unserer steady-Seite, über die du uns unterstützen kannst.

Duschen hinter Stacheldraht

Das kleine Holzschild ist kaum zu erkennen. Es hängt denkbar unauffällig von der Decke des Wellblech-überdachten Ganges, der sich an ein schmuckloses dunkelgrünes Holzgebäude anschließt. Typ Schulgebäude, mit Flachdach, drei Stockwerken und einer Eingangstür aus Glas, die in der Mitte einen braunen Holzbalken zum Öffnen hat. Durch so eine Tür bin ich jeden Tag in mein südwestdeutsches Gymnasium gegangen. „Uimahalli“ steht auf dem Holzschild, das in das Gebäude weist.

Mathias und ich trippeln in diesem Moment noch etwas unentschlossen auf dem Parkplatz vor dem grünen hin und her . „Die anderen sind auch einfach rein gegangen“, sagt Mathias und deutet auf das Schild. Wir sind hierher gefahren, an den Rand von Sodankylä, einer größeren Stadt in Lappland, weil wir uns duschen wollen. „Uimahalli“ bedeutet Schwimmhalle und seitdem es zu kalt ist, um sich in den finnischen Seen zu waschen, suchen wir hin und wieder eine Uimahalli auf. Hier kann man – meistens für sehr wenig Geld – die zum Schwimmbad gehörenden Duschen benutzen und weil wir in Finnland sind, ist selbstverständlich auch immer eine Sauna dabei. 

Dieses Mal allerdings sind wir etwas zögerlich. Zwischen uns und dem Gebäude, in dem sich die Uimahalli befinden soll, steht ein hoher Eisenzaun, obendrauf sind zwei Lagen Stacheldraht gespannt. Es sieht, gelinde gesagt, nicht besonders einladend aus. Aber GoogleMaps und das Holzschild sind sich einig: Wir stehen vor der öffentlichen Schwimmhalle Sodankyläs. Auch wenn ich nicht recht erkennen kann, wo sich auf dem stacheldrahtumzäunten Gelände eine Schwimmhalle befinden soll. Wir beschließen, noch etwas abzuwarten und zu beobachten. Nachdem der dritte Rentner mit einer riesigen Sporttasche über der Schulter durch eine Eisentür im Zaun gegangen und in dem grünen Gebäude verschwunden ist, reicht es Mathias: „Wir gehen da jetzt auch rein“, beschließt er. Ich klemme mir meinen Kulturbeutel und die Badelatschen unter den Arm und folge Mathias, der entschlossen das grüne Gebäude ansteuert. 

Mittlerweile ist es ziemlich winterlich hier in Nordfinnland. Nachts haben wir immer Minusgrade und tagsüber meist nur knapp über Null Grad. Unser Alltag hat sich dadurch sehr verändert und wir müssen uns auf diese neuen Bedingungen noch einstellen. Bis vor kurzem haben wir uns hauptsächlich in Seen und Flüssen gewaschen oder unsere Outdoor-Dusche am Bus benutzt. Das letzte zähneklappernde Seebad ist erst ein paar Tage her, aber schon da hat es nur noch für eine Katzenwäsche gereicht und Haarewaschen habe ich gar nicht mehr über mich gebracht. Mehr oder weniger durch Zufall sind wir auf die Möglichkeit mit den Uimahallis gestoßen und haben unsere Route so geplant, dass wir bis Norwegen regelmäßig alle paar Tage eine Schwimmhalle ansteuern können. Wenn man in einem so kleinen Camper wie unserem unterwegs ist, muss man immer wieder Abstriche machen. Eine Dusche jeden Morgen oder Abend, gar mit warmem Wasser, ist ein Luxus, den wir schon lang nicht mehr haben. 

Im Inneren des grünen Gebäudes sieht es tatsächlich aus wie in einer Schule zur Ferienzeit: ein graues Treppenhaus, lange leere Gänge, in einer Ecke steht schweigend ein kaputter Snackautomat. Wir schauen uns ein wenig um und sehen ein Wappen an der Wand, unter dem „Finnische Grenzpolizei“ steht. Wir befinden uns also in einer militärischen Einrichtung. Nichts rührt sich und wir fragen uns, wohin die Rentner alle verschwunden sind, bis ich eine blaue Linie entdecke, die in den Keller führt. 

Unten sitzt ein sehr freundlicher Herr in einem kleinen Bezahl-Häuschen, knöpft uns drei Euro für zwei Stunden Sauna ab und zeigt uns serviceorientiert die Umkleidekabinen. Wir haben die Uimahalli gefunden.

Als ich wenig später unter der wohlig-heißen Dusche stehe, denke ich darüber nach, wie wenig man diese Dinge im Alltag zu schätzen weiß. Und nehme mir fest vor, mich nach unserem Vanlife-Abenteuer immer wieder darüber zu freuen, dass ich einfach nur das warme Wasser andrehen und mich nicht erst auf militärisches Gelände begeben muss. 

Der (un)sympathische Koch für unterwegs

Das Wasser kocht schon nach wenigen Minuten. Schnell ziehe ich den Kopf zurück, als ein Windstoß in den Ofen fährt und die Flammen auflodern lässt. Mathias hat sich schon häufiger den Bart versengt und abgebrannte Haare sind definitiv eine Vanlife-Erfahrung, die ich nicht machen muss. Der hat ganz schön Power, denke ich, füttere den Ofen aber trotzdem weiter mit kleinen Zweigen. 

Seit ein paar Tagen sind wir zu dritt unterwegs. Im Gegensatz zu anderen Vanlifern bedeutet das bei uns aber nicht, dass wir ein Hundebaby adoptiert haben, das fortan mit uns durch Europa reist. Sondern wir haben letzte Woche in Helsinki den Rest unseres – ohnehin sehr schmalen – Monatsbudgets in einen sogenannten „hobo stove“ investiert. Ein kleiner, zusammenklappbarer Holzofen aus Metall, der sich perfekt in unser Bücherregal schieben lässt und hoffentlich in den nächsten Monaten unser Energieproblem löst. In den letzten Tagen ist er jedenfalls bereits zu einem unverzichtbaren Reisegefährten geworden.

Schließlich wollen wir den Herbst und Winter in Skandinavien verbringen – bei Minusgraden und wenig Licht. Bisher haben wir immer mit Gas gekocht oder mühevoll ein großes Lagerfeuer entzündet. Wie alles andere sind die Gaskartuschen für unseren Kocher in Skandinavien allerdings unglaublich teuer und Lagerfeuer machen dauert häufig so lang, dass wir eigentlich schon anfangen müssten, bevor wir Hunger bekommen. Der kleine Hobo dagegen frisst nur trockenes Holz, das, zumindest jetzt noch, überall ausreichend und umsonst verfügbar ist und ist in wenigen Sekunden von Null auf Hundert. Zu unserem Tagesablauf addiert das allerdings die Aufgabe, kleine, trockene Äste zu sammeln und in handlange Stücke zu brechen. Davon fahren wir seit neustem immer einen kleinen Sack voll mit uns herum (als wäre der Bus nicht schon beladen genug).

Außerdem können wir, obwohl wir den „big angry stove“, die größte verfügbare Variante, genommen haben, immer nur einen Topf erhitzen. Nudeln oder Soße: Eins von beidem wird immer kalt.

Aber während ich im Sand knie und dem Hobo einen Zweig nach dem anderen in sein gefräßiges Maul schiebe, rauscht hinter mir die finnische Ostsee. Mathias ist gerade dabei, den Tisch vom Dach zu schrauben, die Stühle unter dem Schrank hervor zu ziehen und alles am Strand aufzustellen. Beim Essen werden wir aufs Meer schauen und uns trotz allem unglaublich privilegiert fühlen, während wir unsere kalte Pasta kauen. 

Nur einen gravierenden Nachteil hat der Hobo: Die Glut reicht selten zum Marshmallows rösten.

Eine einschlägige Erfahrung

Es ist ja nicht so, als wären wie nicht gewarnt worden. Vor ein paar Tagen haben wir in Rumänien zwei Tramper mitgenommen, ein Pärchen aus der Ukraine, wie sich herausgestellt hat. Natürlich haben wir die Gelegenheit genutzt und sie ein bisschen über ihr Land ausgefragt. Viel wussten sie nicht zu sagen, aber eins hat der Mann nachdrücklich und mehrfach wiederholt: „Roads in Ukraine are very bad!“ Jaja, kennen wir, haben wir abgewunken, in Rumänien und auf dem Balkan auch. „No no“, hat er betont, „really bad. Really really bad!“

Daran erinnere ich Mathias, der, während wir jetzt über diese „really bad roads“ rumpeln, ziemlich verspannt auf dem Beifahrersitz sitzt, als wäre es sein Fahrgestell, das in diesem Moment so schwer gebeutelt wird, nicht das des Busses. „Der Typ hat’s uns doch gesagt“, klugscheiße ich, obwohl ich mir eingestehen muss, dass ich die Straßenverhältnisse ebenfalls unterschätzt habe. „Können wir nicht über eine größere Straße fahren?“ fragt Mathias gequält. „Das ist die größte Straße hier in der Gegend“, erwidere ich, während ich das Lenkrad scharf nach rechts reiße, um einem besonders tiefen Krater auszuweichen. 

Wir sind unterwegs in Richtung Lemberg/Lviv, und haben uns für die Strecke durch Transkarpatien entschieden, in der Hoffnung, hier bessere Stellplätze, frisches Wasser und weniger Hitze zu finden. Das spielt im Moment allerdings alles keine Rolle, denn wir sind ganz darauf konzentriert, unseren Bus unbeschadet über dieses Minenfeld von einer Straße zu manövrieren. Rund 45 Kilometer haben wir schon geschafft, noch mindestens 40 liegen vor uns. Dafür werden wir vermutlich den restlichen Tag benötigen, denn aktuell quälen wir uns mit 20 bis 25 kmh dahin. Die Straße verdient die Bezeichnung Straße eigentlich überhaupt nicht. Es handelt sich im besten Fall um eine Aneinanderreihung von Asphaltflicken, im schlimmsten Fall sind die Schlaglöcher so groß, tief und so eng beieinander, dass der Bus immer wieder aufsitzt. An den Rändern franst der Asphalt aus, als hätten große Nagetiere in angeknabbert, manchmal bricht er auch in einer scharfen – und tiefen – Kante ab. Das Fahren erfordert vollste Konzentration. Trotzdem ist es nahezu unmöglich, allen Schlaglöchern auszuweichen. Meistens kann ich nur in Sekundenschnelle entscheiden, WELCHES Schlagloch ich mitnehme. Das OB ist schon längst keine Option mehr. Manchmal hilft es, neben der Straße auf dem Schotter zu fahren, allerdings nur, wenn der Streifen breit genug ist.

Diese Umstände führen dazu, dass jedes Fahrzeug, egal ob Auto, LKW oder Moped, in Schlangenlinien fährt. Es ist ein wildes Durcheinander, in dem jeder versucht, die beste Linie zu finden. Fahrspuren existieren nicht und auch die Geschwindigkeiten sind sehr individuell. Wir werden von alten, rostigen Ladas überholt und kriechen hinter riesigen, vollbeladenen Lastwagen her. Irgendwann lässt Mathias etwas Luft aus den Reifen, damit es uns nicht mehr ganz so wild hin und her schlägt. Noch nicht mal mein Standard-Satz für schlechte Straßen – „Lukomir war schlimmer!“ – lässt sich hier anbringen: Das hier ist definitiv schlimmer als unser Trip nach Lukomir!

Der Ritt durch die ukrainischen Karpaten dauert tatsächlich noch den ganzen Tag. Als wir endlich, am späten Nachmittag, einen Stellplatz gefunden haben, meine ich, sogar unseren Bus erleichtert aufatmen zu hören. „Ab jetzt fahren wie nur noch Autobahn – und wenn‘s ein Umweg von 100 Kilometern ist!“, sagt Mathias.

Na schauen wir mal.

Einfach machen…

Reiseblogs gibt es wie Sand am Meer. Oder Steine im Gebirge, Bäume im Wald – sucht euch ein Klischee aus. Genauso viele Weltenbummler, Instatraveller, Globetrotter und Vanlifer hat die Welt online wie offline zu bieten. 

Warum wir das trotzdem machen? Weil es Spaß macht. Das Reisen genauso wie das Bloggen. Wir sind wahrscheinlich nicht anders oder außergewöhnlicher als all die anderen Reisenden und Blogger. Aber wir haben „a mords Gaudi“, wie man in Österreich sagt. Und darauf kommt es doch an, oder?

Seit ein paar Monaten sind wir sogenannte Vanlifer. Das heißt wir leben und reisen in einem Van, einem Campingbus. In den meisten Fällen sind diese Vehikel selbstgebaut und ähneln mal mehr, mal weniger, einem kleinen Haus auf Rädern. In unserem Fall handelt sich um einen VW T5  (für alle, die sich nicht auskennen: Ein typischer VW-Transporter, Baujahr 2014), den wir natürlich, da lassen wir uns nichts nachsagen, auch selbst ausgebaut haben. Zugegebenermaßen hat vor allem einer von uns gebaut und die andere moralische Unterstützung geleistet, aber ich habe in dem Prozess immerhin gelernt, was eine Torx-Schraube ist und wie sich eine Stichsäge von einer Flex unterscheidet. 

Unser Bus (nein, er hat keinen Namen) verfügt über eine Solaranlage, eine Standheizung, eine Dusche mit warmem Wasser, ein Bücherregal und eine Couch/Bett-Kombi. Wir wollen sowohl im Sommer als auch im Winter möglichst autark unterwegs sein. Eine kleine Führung durch unseren Bus, unter Vanlifern nennt man das „Roomtour“, könnt ihr hier anschauen.

Ob wir wirklich einen geländetauglichen Bus mit Allradantrieb brauchen, habe ich am Anfang etwas bezweifelt. Das schien mir für die europäischen Straßen, auf denen wir uns hauptsächlich bewegen werden, etwas übertrieben. Diese Meinung habe ich mittlerweile revidiert. Die vielen Schlaglöcher und Schotterpisten auf dem Balkan, in Rumänien und vor allem der Ukraine haben uns und unserem Bus schon einiges abverlangt. Ohne den Allrad-Antrieb hätten wir viele schöne Orte und bezaubernde Stellplätze nicht erreicht.

Trotzdem ist und war die Stellplatzsuche, gerade in Südost-Europa, eine der härtesten Herausforderungen.

Wir sind sicherlich nicht blauäugig in unser Vanlife-Projekt gestartet. Uns ist bewusst, dass es Schwierigkeiten und Herausforderungen geben wird, die über die Stellplatzsuche hinaus gehen. Wir könnten bestohlen werden, einen Unfall haben oder uns tierisch auf die Nerven gehen und Vanlifen bei Minusgraden im hohen Norden klingt vielleicht auch romantischer, als es ist. Aber wir können auch morgens in der eiskalten Soca baden, abends beim Spazierengehen die Glühwürmchen beobachten und einfach da bleiben, wo es uns gefällt. Wir haben immer ein leichtes Chaos um uns herum und wir verbringen sehr viel Zeit damit, Dinge zu suchen und hin und her zu räumen. Aber wir könnten auch lernen, mit ganz wenig auszukommen und kleine alltägliche Dinge wieder neu schätzen lernen (zugegeben, ich hatte gerade die erste Haarwäsche seit 6 Tagen und es fühlt sich toll an!). 

Denn das echte Vanlife ist bestimmt nicht so, wie es uns Instagram präsentiert. Aber ich finde, dass genau das das Spannende daran ist.

© 2019 on the happyroad

Theme von Anders NorénHoch ↑