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Vom Balkan zum Nordkap

Schlagwort: Reisebericht

Ein finnisches Schnäppchen

Die Unterhose, die Mathias gerade grinsend in die Höhe hält, ist türkis und hat einen Gummizug in Regenbogenfarben. Lange Beine und ein seitlicher Eingriff machen das Kleidungsstück perfekt. „Was meinst du?“ fragt er mich grinsend, und ich bin mir ehrlich gesagt nicht sicher, ob das eine ernst gemeinte Frage ist und er tatsächlich den Kauf dieser individuell-kreativen Unterbekleidung erwägt. Ich rette mich in ein verlegenes Lachen und verschwinde schnell im nächsten Gang.

Seitdem wir in Finnland sind, die Tage kühler und kürzer werden, haben wir eine neue Lieblings-Freizeitbeschäftigung gefunden, die typisch finnisch ist: Kirppis. Zu deutsch Flohmarkt, obwohl das das Konzept nicht ganz beschreibt. Kirppis, oder Kirpputori, ist eher eine Mischung aus Trödelmarkt und Sozialkaufhaus und es gibt in jeder größeren oder kleineren Stadt mindestens einen. Meist in Lagerhäusern, deren Fläche mit Regalgängen gefüllt ist, die wiederum in einzelne Parzellen unterteilt sind. Das Prinzip funktioniert so: Man mietet sich eine dieser Parzellen und packt alles rein, was man loswerden möchte. Mit Preisschild und Nummernetikett versehen, können die Käufer die Sachen zur zentralen Kasse bringen. Es gibt sogar Kirppise, wo man mit der Kreditkarte bezahlen kann. Die Verkäufer bekommt man nicht zu Gesicht, obwohl wir uns gern einen Spaß daraus machen, uns die Vorbesitzer anhand der Sachen, die sie zum Verkauf anbieten, vorzustellen. Mann, Frau, groß, klein, alt, jung? Bei der regenbogenfarbenen langen Unterhose versagt mir allerdings die Fantasie, und ich hoffe nur, dass ich den zukünftigen Besitzer nicht bereits vor ein paar Monaten kennen gelernt habe.

Kirppis bietet dementsprechend ein Sammelsurium aus den unterschiedlichsten Gegenständen in den unterschiedlichsten Aggregatszuständen. Von der bestens erhaltenen Motorradkluft bis zur abgewetzten Babypuppe ist alles dabei. Aber zwischen ziemlich viel KrimsKrams, Rumsteherlen und Schrott findet man immer wieder kleine Schätze und Nützliches (ich bereue es immer noch, dass wir im letzten Kirppis die Heizdecke für 5 Euro liegen lassen haben). In Kokemäki beispielsweise habe ich mich für 21 Euro komplett neu eingekleidet – inklusive Schuhe und Schal. Und so schlendere ich jetzt durch die Gänge auf der Suche nach einem neuen Kochtopf  – bei unserem ist der Griff abgebrochen – oder dem ein oder anderen Schnäppchen. Während Mathias noch durch die Herrenabteilung stöbert, gehe ich in den Nebenraum. Und erspähe, unter einem Papppferd und einer Kinderwiege, die von der Decke baumeln, eine große Auswahl an – ich kann es selbst kaum glauben – Langlaufskiern. Die Temperaturen hier in Nord-Ost-Finnland, kurz vor der russischen Grenze, legen den Gedanken an die ein oder andere Langlauftour bereits nahe und ich habe es schon bereut, dass ich keine Skatingski dabei habe. Schnell baue ich mich vor der Langlaufabteilung auf, mit möglichst breitem Kreuz, um anderen Schnäppchenjägern den Blick auf meine potenzielle Beute zu versperren. Der erste Blick ist etwas ernüchternd. Die meisten Ski haben völlig veraltete Bindungen, tiefe Kratzer oder schlicht die falsche Größe. Ich lehne mich nach vorne, wühle noch etwas tiefer und ziehe schließlich einen blauen Skatingski hervor. Der Schnellcheck lässt hoffen: Die Bindung sieht ordentlich aus, die Kratzer sind nicht allzu tief und er hat genau die richtige Größe. 

„Die tun’s noch eine Weile“, befindet der eilends herbeigerufene Ski-Experte aka Mathias. Und auch dem Belastungstest auf dem Scheunenboden halten die Ski stand. Mit klopfendem Herzen trage ich die Bretter zur Kasse, um den Preis zu erfragen – unser Budget gestattet eigentlich keine größere Anschaffung. Die ältere Dame (es sind immer ältere Damen, die bei Kirppis an der Kasse sitzen und gleichzeitig Kuchen verkaufen) schürzt die Lippen und wiegt den Kopf hin und her, als ich ihr fragend die Ski entgegen strecke. Gehandelt wird im Kirppis nicht, „nimm’s oder lass es“ ist die Devise. „Fünf Euro“ lautet ihr Urteil. 

Seither fahren wir ein drittes Paar Ski auf dem Dachträger herum. Der Winter kann kommen.

Der Mann in der Unterhose

Der Mann ist nur mit einer Unterhose bekleidet. Einer alten und schäbigen, leicht gelblichen noch dazu. Sie sitzt ziemlich eng, schneidet an den Hüften ein und über den Bund schwabbelt vorne eine ordentliche Wampe. Er lässt sich schwitzend neben mir auf der Bank nieder und sagt nur drei Worte: „Ranger. Passport. Money.“ Mathias und ich sehen uns fragend an. „Sorry?“ frage ich, an den Mann gewandt. Er macht uns dann mit Händen und Füßen und wenigen englischen Ausdrücken klar, dass wir im Begriff sind, die bosnisch-montenegrinische Grenze zu überqueren und dass er daher gern unsere Pässe sehen sowie von jedem einen Euro Eintrittsgebühr kassieren würde. Wir haben in diesem Moment weder das eine noch das andere dabei. Als wir heute morgen zu unserer Wanderung im Sutjeska Nationalpark aufgebrochen sind, war uns nicht klar, dass sich das Ziel, ein Bergsee am Fuße des Maglic, des höchsten Berges Bosniens, bereits in Montenegro befindet. Außerdem sieht der Mann in seiner angegammelten Unterhose nicht so aus, als ob er in irgendeiner Weise befugt wäre, Pässe oder Eintrittsgelder zu verlangen und für einen Nationalparkranger ist er nicht entsprechend gekleidet. Soweit wir das beurteilen können, betreibt er einfach nur eine kleine Kafane am Ufer des Trovacko Jezero und wurde von uns gerade dabei gestört, mit einer Motorsäge bei 30 Grad Holz zu sägen. Wir erklären ihm, dass wir kein Geld und keine Pässe dabei haben und schlagen vor, ein entsprechendes Hinweisschild am Wanderparkplatz aufzustellen. Er zuckt nur mit den Schultern und geht zurück zu seiner Motorsäge. Da uns niemand mehr aufhält, reisen wir illegal nach Montenegro ein, machen es uns am Ufer des Trovacko Jezero bequem und schwimmen ein paar Runden. 

Der heutige Tag hat bereits merkwürdig begonnen. Als ich morgens den Kopf aus dem Bus gestreckt habe, war Mathias im Gespräch mit einem völlig aufgelösten Schweden mit offenem Hosenstall. Er hat in den Hütten oberhalb des Parkplatzes übernachtet, auf dem unser Bus steht (danke an den echten Ranger, dass wir hier übernachten durften und nicht auch in die Hütten ziehen mussten). Er sei heute Nacht von einem Eichhörnchen terrorisiert worden, erzählte der Schwede Mathias gerade. Um 4 Uhr morgens habe es ihn zu Tode erschreckt, indem es ihm auf die Brust gehüpft sei. Außerdem habe es sein Obst gefuttert und auf seine Softshelljacke gepinkelt. Weil er dann ohnehin schon wach war, hat er sich auf die Wanderung zum Gipfel des Maglic gemacht, unterwegs aber den Pfad verloren und ist orientierungslos im Gelände herum gekraxelt. Als ihm dann sein Rucksack zehn Meter weit den Berg herunter gerutscht sei, habe er sich gedacht „fuck it“ und die Wanderung abgebrochen. Mit dem Satz „I’m too tired to socialize, sorry“ ist er dann in Richtung See davon gestürmt, dicht gefolgt von einigen größeren Wandergruppen. 

Der falsche Ranger in seiner Unterhose passt somit wunderbar zu diesem schrägen Tag. Da er uns kein Geld aus der Tasche ziehen konnte, scheint er mittlerweile beschlossen zu haben, uns zumindest ordentlich den Aufenthalt zu verderben. Seine Motorsäge läuft pausenlos, und da der See in einem Kessel liegt, umgeben von hohen Bergwänden, fährt einem das Geräusch durch Mark und Bein. Wir halten uns daher nicht länger als nötig auf und treten gleich nach dem Baden den Rückweg an. Als wir (ebenso illegal) zurück nach Bosnien einreisen, treffen wir den Schweden wieder, dessen Laune sich deutlich gehoben hat (dessen Hosenstall aber immer noch weit offen steht). Während wir durch die Wälder von Sutjeska zurück wandern, frage ich mich, für wen dieser Vormittag wohl sonderbarer gewesen ist und ob der Unterhosen-Mann auch dann Holz sägt, wenn keine Wanderer in der Nähe sind. Da wir heute den Sutjeska verlassen – vor uns liegen 20 Kilometer Schotterpiste – werden wir es nicht mehr herausfinden. Aber Motorsägen ist in Bosnien ohnehin Volkssport, und egal, wo wir heute Nacht schlafen werden: Das nächste Fichtenmoped ist bestimmt nicht weit.

Einfach machen…

Reiseblogs gibt es wie Sand am Meer. Oder Steine im Gebirge, Bäume im Wald – sucht euch ein Klischee aus. Genauso viele Weltenbummler, Instatraveller, Globetrotter und Vanlifer hat die Welt online wie offline zu bieten. 

Warum wir das trotzdem machen? Weil es Spaß macht. Das Reisen genauso wie das Bloggen. Wir sind wahrscheinlich nicht anders oder außergewöhnlicher als all die anderen Reisenden und Blogger. Aber wir haben „a mords Gaudi“, wie man in Österreich sagt. Und darauf kommt es doch an, oder?

Seit ein paar Monaten sind wir sogenannte Vanlifer. Das heißt wir leben und reisen in einem Van, einem Campingbus. In den meisten Fällen sind diese Vehikel selbstgebaut und ähneln mal mehr, mal weniger, einem kleinen Haus auf Rädern. In unserem Fall handelt sich um einen VW T5  (für alle, die sich nicht auskennen: Ein typischer VW-Transporter, Baujahr 2014), den wir natürlich, da lassen wir uns nichts nachsagen, auch selbst ausgebaut haben. Zugegebenermaßen hat vor allem einer von uns gebaut und die andere moralische Unterstützung geleistet, aber ich habe in dem Prozess immerhin gelernt, was eine Torx-Schraube ist und wie sich eine Stichsäge von einer Flex unterscheidet. 

Unser Bus (nein, er hat keinen Namen) verfügt über eine Solaranlage, eine Standheizung, eine Dusche mit warmem Wasser, ein Bücherregal und eine Couch/Bett-Kombi. Wir wollen sowohl im Sommer als auch im Winter möglichst autark unterwegs sein. Eine kleine Führung durch unseren Bus, unter Vanlifern nennt man das „Roomtour“, könnt ihr hier anschauen.

Ob wir wirklich einen geländetauglichen Bus mit Allradantrieb brauchen, habe ich am Anfang etwas bezweifelt. Das schien mir für die europäischen Straßen, auf denen wir uns hauptsächlich bewegen werden, etwas übertrieben. Diese Meinung habe ich mittlerweile revidiert. Die vielen Schlaglöcher und Schotterpisten auf dem Balkan, in Rumänien und vor allem der Ukraine haben uns und unserem Bus schon einiges abverlangt. Ohne den Allrad-Antrieb hätten wir viele schöne Orte und bezaubernde Stellplätze nicht erreicht.

Trotzdem ist und war die Stellplatzsuche, gerade in Südost-Europa, eine der härtesten Herausforderungen.

Wir sind sicherlich nicht blauäugig in unser Vanlife-Projekt gestartet. Uns ist bewusst, dass es Schwierigkeiten und Herausforderungen geben wird, die über die Stellplatzsuche hinaus gehen. Wir könnten bestohlen werden, einen Unfall haben oder uns tierisch auf die Nerven gehen und Vanlifen bei Minusgraden im hohen Norden klingt vielleicht auch romantischer, als es ist. Aber wir können auch morgens in der eiskalten Soca baden, abends beim Spazierengehen die Glühwürmchen beobachten und einfach da bleiben, wo es uns gefällt. Wir haben immer ein leichtes Chaos um uns herum und wir verbringen sehr viel Zeit damit, Dinge zu suchen und hin und her zu räumen. Aber wir könnten auch lernen, mit ganz wenig auszukommen und kleine alltägliche Dinge wieder neu schätzen lernen (zugegeben, ich hatte gerade die erste Haarwäsche seit 6 Tagen und es fühlt sich toll an!). 

Denn das echte Vanlife ist bestimmt nicht so, wie es uns Instagram präsentiert. Aber ich finde, dass genau das das Spannende daran ist.

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