on the happyroad

Vom Balkan zum Nordkap

Schlagwort: Finnland

Duschen hinter Stacheldraht

Das kleine Holzschild ist kaum zu erkennen. Es hängt denkbar unauffällig von der Decke des Wellblech-überdachten Ganges, der sich an ein schmuckloses dunkelgrünes Holzgebäude anschließt. Typ Schulgebäude, mit Flachdach, drei Stockwerken und einer Eingangstür aus Glas, die in der Mitte einen braunen Holzbalken zum Öffnen hat. Durch so eine Tür bin ich jeden Tag in mein südwestdeutsches Gymnasium gegangen. „Uimahalli“ steht auf dem Holzschild, das in das Gebäude weist.

Mathias und ich trippeln in diesem Moment noch etwas unentschlossen auf dem Parkplatz vor dem grünen hin und her . „Die anderen sind auch einfach rein gegangen“, sagt Mathias und deutet auf das Schild. Wir sind hierher gefahren, an den Rand von Sodankylä, einer größeren Stadt in Lappland, weil wir uns duschen wollen. „Uimahalli“ bedeutet Schwimmhalle und seitdem es zu kalt ist, um sich in den finnischen Seen zu waschen, suchen wir hin und wieder eine Uimahalli auf. Hier kann man – meistens für sehr wenig Geld – die zum Schwimmbad gehörenden Duschen benutzen und weil wir in Finnland sind, ist selbstverständlich auch immer eine Sauna dabei. 

Dieses Mal allerdings sind wir etwas zögerlich. Zwischen uns und dem Gebäude, in dem sich die Uimahalli befinden soll, steht ein hoher Eisenzaun, obendrauf sind zwei Lagen Stacheldraht gespannt. Es sieht, gelinde gesagt, nicht besonders einladend aus. Aber GoogleMaps und das Holzschild sind sich einig: Wir stehen vor der öffentlichen Schwimmhalle Sodankyläs. Auch wenn ich nicht recht erkennen kann, wo sich auf dem stacheldrahtumzäunten Gelände eine Schwimmhalle befinden soll. Wir beschließen, noch etwas abzuwarten und zu beobachten. Nachdem der dritte Rentner mit einer riesigen Sporttasche über der Schulter durch eine Eisentür im Zaun gegangen und in dem grünen Gebäude verschwunden ist, reicht es Mathias: „Wir gehen da jetzt auch rein“, beschließt er. Ich klemme mir meinen Kulturbeutel und die Badelatschen unter den Arm und folge Mathias, der entschlossen das grüne Gebäude ansteuert. 

Mittlerweile ist es ziemlich winterlich hier in Nordfinnland. Nachts haben wir immer Minusgrade und tagsüber meist nur knapp über Null Grad. Unser Alltag hat sich dadurch sehr verändert und wir müssen uns auf diese neuen Bedingungen noch einstellen. Bis vor kurzem haben wir uns hauptsächlich in Seen und Flüssen gewaschen oder unsere Outdoor-Dusche am Bus benutzt. Das letzte zähneklappernde Seebad ist erst ein paar Tage her, aber schon da hat es nur noch für eine Katzenwäsche gereicht und Haarewaschen habe ich gar nicht mehr über mich gebracht. Mehr oder weniger durch Zufall sind wir auf die Möglichkeit mit den Uimahallis gestoßen und haben unsere Route so geplant, dass wir bis Norwegen regelmäßig alle paar Tage eine Schwimmhalle ansteuern können. Wenn man in einem so kleinen Camper wie unserem unterwegs ist, muss man immer wieder Abstriche machen. Eine Dusche jeden Morgen oder Abend, gar mit warmem Wasser, ist ein Luxus, den wir schon lang nicht mehr haben. 

Im Inneren des grünen Gebäudes sieht es tatsächlich aus wie in einer Schule zur Ferienzeit: ein graues Treppenhaus, lange leere Gänge, in einer Ecke steht schweigend ein kaputter Snackautomat. Wir schauen uns ein wenig um und sehen ein Wappen an der Wand, unter dem „Finnische Grenzpolizei“ steht. Wir befinden uns also in einer militärischen Einrichtung. Nichts rührt sich und wir fragen uns, wohin die Rentner alle verschwunden sind, bis ich eine blaue Linie entdecke, die in den Keller führt. 

Unten sitzt ein sehr freundlicher Herr in einem kleinen Bezahl-Häuschen, knöpft uns drei Euro für zwei Stunden Sauna ab und zeigt uns serviceorientiert die Umkleidekabinen. Wir haben die Uimahalli gefunden.

Als ich wenig später unter der wohlig-heißen Dusche stehe, denke ich darüber nach, wie wenig man diese Dinge im Alltag zu schätzen weiß. Und nehme mir fest vor, mich nach unserem Vanlife-Abenteuer immer wieder darüber zu freuen, dass ich einfach nur das warme Wasser andrehen und mich nicht erst auf militärisches Gelände begeben muss. 

Sauna-Barbecue

„Was soll das heißen: Es ist kein Holz da?“ Überrascht schaue ich Mathias an, der gerade aus dem Brennholz-Schuppen auf den moosigen Waldboden tritt. Er zuckt mit den Schultern und zeigt hinter sich. „Das Lager ist leer“, informiert er mich dann. „Da sind nur noch ein paar letzte Scheite drin“. Ich lasse mich frustriert auf der Bank neben dem Lavu nieder. Wir sind ungefähr eine Stunde durch den finnischen Wald zu diesem Picknickplatz gestapft, um den Tag ganz landestypisch zu verbringen: Wandern, Sauna, Barbecue – der Finnen liebste Freizeitbeschäftigungen. Dass es dafür nicht nur Schutzhütten mit Feuerstelle, sondern, wie hier, auch eine Jedermann-Sauna im Wald gibt, ist allerdings nicht der Normalfall. Als schmalbudgetierte Vollzeitreisende im finnischen Herbst können wir die Gelegenheit einer Gratis-Sauna (und Wäsche) nicht liegen lassen und haben für diese Wanderung einen beträchtlichen Umweg in Kauf genommen. Umso enttäuschender, dass wir scheinbar zu einem ungünstigen Zeitpunkt gekommen sind und Wanderer vor uns den Holzvorrat, den die Gemeinden an solchen Plätzen zur Verfügung stellen, aufgebraucht haben. Wie zum Hohn glimmen in der Feuerstelle noch ein paar letzte Kohlen träge vor sich hin. 

Frustriert schnallen wir die Rucksäcke ab und umrunden langsam Schutzhütte, Plumpsklo und Sauna, um vielleicht doch noch brennbares Material zu finden – schließlich befinden wir uns im Wald, wie ich lautstark kund tue, „da muss man doch ein Feuer machen können!“. Doch unsere Ausbeute ist ernüchternd und ich muss mich mit dem Gedanken anfreunden, dass aus dem typisch finnischen Nachmittag heute nichts wird. Wir starren eine Weile resigniert auf die wenigen trockenen Zweige, die wir zusammentragen konnten, dann spricht Mathias das Offensichtliche aus: „Sauna oder Barbecue – für beides reicht’s auf keinen Fall!“ „Na dann Barbecue“, sage ich, hungrig vom Wandern und mit dem Gedanken an die finnischen Grillwürste in meinem Rucksack. Gleichzeitig fügt Mathias hinzu: „Ich heiz dann mal die Sauna an.“

In Finnland gibt es Schätzungen zufolge zwischen zwei und drei Millionen Saunen. Das bedeutet, dass theoretisch alle Finnen gleichzeitig in die Sauna gehen könnten und sogar noch Platz für ein paar Touristen wäre. Die Art und Weise, wie man in Finnland in die Sauna geht, unterscheidet sich jedoch stark von der Saunakultur in Deutschland. Der Grundmechanismus ist zwar derselbe – es ist ziemlich heiß und man kühlt sich hinterher ordentlich ab -, aber in Finnland ist die Sauna eine zutiefst soziale Angelegenheit. Hier werden Probleme gewälzt, ernsthafte Gespräche geführt, getratscht, gelacht und angeblich sogar politische Entscheidungen getroffen. Die Sauna ist ein Ort, an dem Familien zusammenkommen und Freundschaften gepflegt werden. Ich habe in öffentlichen Saunen (die übrigens streng nach Geschlechtern getrennt sind) auch schon sehr junge und sehr alte Menschen getroffen. Saunieren ist hier weit entfernt vom kinder- und störungsfreien Schweige-Wellness, das in deutschen SPAs und Saunatempeln praktiziert wird. Die Finnen tauen in der Sauna wortwörtlich auf, werden hier erst richtig gesprächig und zischen nicht selten rülpsend ein Bierchen, während sie beständig Wasser auf die heißen Steine kippen.

Man hält in Finnland auch nichts von „Ruhepausen“ zwischen den einzelnen Saunagängen, wie sie bei uns häufig angemahnt werden. Raus aus der Sauna, rein in den kalten See, und während das Herz-Kreislauf-System noch den Kälteschock überwindet, sitzt der Finne schon wieder auf dem Holzbänkchen und öffnet sich das nächste Bier. 

Davon sind Mathias und ich in diesem Moment aber noch weit entfernt. Ein handfester Interessenskonflikt bahnt sich an: Sauna oder Grillen? Ich argumentiere, getrieben von meinem grummelnden Magen, dass Sauberkeit sowieso überbewertet wird, und Mathias weist darauf hin, dass Gratis-Saunen in der Regel seltener vorbeikommen als Supermärkte und wir schließlich nur deswegen hierher gewandert sind. 

Am Schluss ist die Lösung so einfach wie naheliegend: Während Mathias den Saunaofen anheizt, suche ich zwei lange Stecken im Wald und spitze die Enden an. Nachdem wir beide ausgiebig geschwitzt und gebadet haben, ist im Saunaofen gerade noch genug Glut, um zwei Würstchen darüber zu grillen. 

Ein finnisches Schnäppchen

Die Unterhose, die Mathias gerade grinsend in die Höhe hält, ist türkis und hat einen Gummizug in Regenbogenfarben. Lange Beine und ein seitlicher Eingriff machen das Kleidungsstück perfekt. „Was meinst du?“ fragt er mich grinsend, und ich bin mir ehrlich gesagt nicht sicher, ob das eine ernst gemeinte Frage ist und er tatsächlich den Kauf dieser individuell-kreativen Unterbekleidung erwägt. Ich rette mich in ein verlegenes Lachen und verschwinde schnell im nächsten Gang.

Seitdem wir in Finnland sind, die Tage kühler und kürzer werden, haben wir eine neue Lieblings-Freizeitbeschäftigung gefunden, die typisch finnisch ist: Kirppis. Zu deutsch Flohmarkt, obwohl das das Konzept nicht ganz beschreibt. Kirppis, oder Kirpputori, ist eher eine Mischung aus Trödelmarkt und Sozialkaufhaus und es gibt in jeder größeren oder kleineren Stadt mindestens einen. Meist in Lagerhäusern, deren Fläche mit Regalgängen gefüllt ist, die wiederum in einzelne Parzellen unterteilt sind. Das Prinzip funktioniert so: Man mietet sich eine dieser Parzellen und packt alles rein, was man loswerden möchte. Mit Preisschild und Nummernetikett versehen, können die Käufer die Sachen zur zentralen Kasse bringen. Es gibt sogar Kirppise, wo man mit der Kreditkarte bezahlen kann. Die Verkäufer bekommt man nicht zu Gesicht, obwohl wir uns gern einen Spaß daraus machen, uns die Vorbesitzer anhand der Sachen, die sie zum Verkauf anbieten, vorzustellen. Mann, Frau, groß, klein, alt, jung? Bei der regenbogenfarbenen langen Unterhose versagt mir allerdings die Fantasie, und ich hoffe nur, dass ich den zukünftigen Besitzer nicht bereits vor ein paar Monaten kennen gelernt habe.

Kirppis bietet dementsprechend ein Sammelsurium aus den unterschiedlichsten Gegenständen in den unterschiedlichsten Aggregatszuständen. Von der bestens erhaltenen Motorradkluft bis zur abgewetzten Babypuppe ist alles dabei. Aber zwischen ziemlich viel KrimsKrams, Rumsteherlen und Schrott findet man immer wieder kleine Schätze und Nützliches (ich bereue es immer noch, dass wir im letzten Kirppis die Heizdecke für 5 Euro liegen lassen haben). In Kokemäki beispielsweise habe ich mich für 21 Euro komplett neu eingekleidet – inklusive Schuhe und Schal. Und so schlendere ich jetzt durch die Gänge auf der Suche nach einem neuen Kochtopf  – bei unserem ist der Griff abgebrochen – oder dem ein oder anderen Schnäppchen. Während Mathias noch durch die Herrenabteilung stöbert, gehe ich in den Nebenraum. Und erspähe, unter einem Papppferd und einer Kinderwiege, die von der Decke baumeln, eine große Auswahl an – ich kann es selbst kaum glauben – Langlaufskiern. Die Temperaturen hier in Nord-Ost-Finnland, kurz vor der russischen Grenze, legen den Gedanken an die ein oder andere Langlauftour bereits nahe und ich habe es schon bereut, dass ich keine Skatingski dabei habe. Schnell baue ich mich vor der Langlaufabteilung auf, mit möglichst breitem Kreuz, um anderen Schnäppchenjägern den Blick auf meine potenzielle Beute zu versperren. Der erste Blick ist etwas ernüchternd. Die meisten Ski haben völlig veraltete Bindungen, tiefe Kratzer oder schlicht die falsche Größe. Ich lehne mich nach vorne, wühle noch etwas tiefer und ziehe schließlich einen blauen Skatingski hervor. Der Schnellcheck lässt hoffen: Die Bindung sieht ordentlich aus, die Kratzer sind nicht allzu tief und er hat genau die richtige Größe. 

„Die tun’s noch eine Weile“, befindet der eilends herbeigerufene Ski-Experte aka Mathias. Und auch dem Belastungstest auf dem Scheunenboden halten die Ski stand. Mit klopfendem Herzen trage ich die Bretter zur Kasse, um den Preis zu erfragen – unser Budget gestattet eigentlich keine größere Anschaffung. Die ältere Dame (es sind immer ältere Damen, die bei Kirppis an der Kasse sitzen und gleichzeitig Kuchen verkaufen) schürzt die Lippen und wiegt den Kopf hin und her, als ich ihr fragend die Ski entgegen strecke. Gehandelt wird im Kirppis nicht, „nimm’s oder lass es“ ist die Devise. „Fünf Euro“ lautet ihr Urteil. 

Seither fahren wir ein drittes Paar Ski auf dem Dachträger herum. Der Winter kann kommen.

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