„We have to drink it before it becomes tea!“ Mit diesen Worten setzt der Tscheche die Ouzo-Flasche an und nimmt einen kräftigen Schluck. Dann reicht er sie an Mathias und mich weiter, mit der Aufforderung, den Rest zu trinken. 

Zum Glück hat unser tschechischer Bekannter gute Arbeit geleistet und es ist nicht mehr viel drin in der Schnapsflasche, denn in Kombination mit dem fast 40 Grad heißen Wasser, in dem ich gerade sitze, ist Ouzo mitten am Tag vielleicht nicht die beste Idee. 

Wir baden heute in Thermopyles in Griechenland in einer heißen Quelle, deren Wasser direkt aus dem Boden quillt. Bis auf ein flaches gemauertes Becken, in dem sich das heiße Wasser sammelt, ist sie völlig naturbelassen. Es riecht nach Schwefel, aber das Wasser ist glasklar. Außer vielen Einheimischen und den Kindern vom benachbarten Flüchtlingscamp haben auch einige Touristen den Weg hierher gefunden. Unter anderem eine tschechische Familie mit ihrem 8-Tonnen-Reisemobil, die neben uns auf der Wiese gegenüber des heißen Beckens parkt. Der Vater, Anfang 40, tätowiert und mit einem offenen Lachen hat sich schnell mit Mathias angefreundet und ihm anvertraut, dass seine Frau keinen Alkohol trinke. Deshalb freue er sich immer besonders, wenn er mit jemandem anstoßen könne. Dafür sind wir genau die richtigen und um ihm eine Freude zu machen, nehmen wir eine kleine Flasche Ouzo mit zum gemeinschaftlichen Bad. Die steigende Temperatur ihres Inhalts macht unserem Nachbarn nun solche Sorgen, dass er ihn so schnell wie möglich vernichten möchte – eine Aufgabe, die er mit Bravour meistert.

Währenddessen dümpeln wir entspannt im heißen Wasser und heizen uns den Winter aus den Knochen. Vor einer Woche sind wir noch durchs schneebedeckte Lappland gefahren, Rentiere am Straßenrand und Eiskristalle im Bus. 

Aber nach zwei Monaten im Winter, mit Minusgraden, Eiskratzen und Dauerfrost haben wir beschlossen, dass es Zeit ist für etwas Wärme und Sonnenlicht. Eines Morgens ist uns sogar das Wasser in der Leitung gefroren uns hing als skurriler Eiszapfen aus dem Wasserhahn über unserer Spüle. Vor allem aber Mathias, der gesundheitlich ziemlich angeschlagen ist, hat die vier Stunden Dämmerlicht pro Tag nicht so einfach weggesteckt. Auch wenn ich selbst mit durchaus gemischten Gefühlen in den Süden gefahren bin (das skandinavische Winterwonderland hat mir schon wahnsinnig gut gefallen): Bei dieser Reise soll es darum gehen, dass wir beide zusammen eine gute Zeit haben. Wenn einer genießt und der andere leidet, macht die Unternehmung nicht viel Sinn. 

Das Gute am Vanlife ist schließlich die Flexibilität, die man hat. Und auch wenn wir unsere Ski noch nicht mal ausgepackt haben, wollen wir unseren Ursprungsplänen treu bleiben. Wenn es uns an einem Ort nicht gefällt oder es einem von beiden nicht gut geht, fahren wir woanders hin. Dass das „Woanders“ jetzt knapp 5000 Kilometer weiter südlich zu finden ist, hätten wir natürlich nicht gedacht. Auf der anderen Seite ist ein „Woanders“, das heiße Naturbäder, Ouzo und 18-Grad-draußensitz-Temperatur beinhaltet auch nicht das schlechteste. Und mein letztes Naturbad in der Barentssee ist vom Gemütlichkeitsfaktor mit dieser heißen Quelle nicht mal ansatzweise zu vergleichen.

Und wie anders ist jetzt wieder dieses Griechenland! Wo die Skandinavier eher reserviert und distanziert sind, bekommt man in hier schnell einen freundlichen Gruß oder ein Lächeln geschenkt. Am ersten Abend bringt uns gar ein Einheimischer ein paar Bier zum Bus und setzt sich zu einem Plausch an unser Feuer. Vom ordentlichen und adretten Norwegen ins chaotische und leider sehr dreckige Griechenland ist allerdings auch ein kleiner Kulturschock. Mathias erfreut sich derzeit wieder am „situationsangepassten Interpretieren der Straßenverkehrsordnung“ – jedenfalls so lange, bis ein nackter und betrunkener Grieche beim Zurücksetzen beinahe unseren Abendbrottisch umnietet.

Nordlichter werden wir hier keine sehen, und statt Rentieren lungern Straßenhundegangs am Wegrand, aber es ist ein neues, wärmeres Abenteuer – und Abenteuer sind immer gut.