Den ersten Lagerkoller bekommen wir, als wir seit ungefähr sechs Wochen unterwegs sind. Die letzten drei Tage haben wir an einem Stausee in den Bergen des Retezat Nationalpark gecampt. Schon bei unserer Ankunft hing grollend ein Gewitter in den Bergen, das sich in der Nacht lautstark und bildgewaltig über uns entladen hat. Der Beginn einer Schlechtwetterfront, die neben Regen vor allem kalte Luft gebracht hat. In diesen drei nebeldunstigen Tagen, die wir, noch sonnen- und sommerverwöhnt, darauf gewartet haben, dass es endlich genug aufklart um wandern zu können, ist zwischen Mathias und mir auch ein Unwetter aufgezogen, das sich heute Abend entladen soll.

 „Ich weiß nicht, ist mir egal“, sage ich achselzuckend und bleibe demonstrativ im Bus sitzen. Wir suchen seit ungefähr einer Stunde einen Stellplatz in den grünen waldigen Hügeln um Sibiu. Eigentlich wollten wir heute Morgen zeitig los, aber bis wir all unseren Kram verstaut hatten, hat es wieder einmal länger gedauert, als uns lieb ist. Zwar hat jedes Teil in unserem Bus seinen Platz, aber hin und wieder definieren Mathias und ich diesen Platz sehr unterschiedlich. Während ich beispielsweise meine Sonnenbrille am liebsten irgendwohin lege, legt Mathias sie immer aufs Armaturenbrett.Kompliziert wird die Sache, wenn einer von uns meint, einen besseren Platz für einen Gegenstand gefunden zu haben, ohne das dem anderen mitzuteilen. Auch wenn wir von Woche zu Woche effizienter werden: Die Wahrheit ist, dass wir einen großen Teil unseres Alltags damit verbringen, Dinge hin und her zu räumen und anschließend zu suchen. Für jemanden wie mich, mit einem eher kreativen Verständnis von Ordnung, kein Problem. Für Mathias, mit einem praxisorientierten Verständnis von Ordnung, eine mittelschwere Katastrophe. Ein erstes Krisengespräch am vergangenen Abend verlief ungefähr so wie die Debatten im UN-Sicherheitsrat. Jeder sagt seine Meinung, aber am Schluss gibt es keine gemeinsame Resolution.

So sind wir heute Morgen also bereits mit einem Bussegen in Schieflage gestartet. Ich habe außerdem Migräne und schon den ganzen Tag unterschwellig schlechte Laune. Was genau mich an dem Stellplatz, den Mathias in den Hügeln gefunden hat, stört, kann ich gar nicht sagen. Es ist ruhig, die Aussicht reicht über halb Siebenbürgen, wir stehen nicht auf Privatgrund und für eine Nacht ließe es sich hier absolut aushalten. 

„Also i find’s a guats Platzl“, versucht Mathias mich in seinem schönsten österreichisch zu überzeugen. Ich schaue auf den malerischen Feldweg, auf dem wir stehen, die Blumenwiese neben dem Bus, das traditionelle rumänische Kreuz an der Weggabelung und die himmelweite Aussicht: Ich finde es zum Kotzen. „Hrpmf“, grumpfe ich vor mich hin, die Arme trotzig vor der Brust verschränkt. Ich muss Mathias gar nicht anschauen, ich kann sein Augenrollen förmlich spüren. „Okay, was genau passt dir denn nicht an dem Platz?“, fragt er, und ich höre, wie er sich krampfhaft bemüht, nicht genervt zu klingen. Selbstverständlich nervt mich das noch mehr und ich beschließe, gar nichts mehr zu sagen. „Jetzt sag’s halt“, Mathias schafft es immer weniger, einen halbwegs entspannten Tonfall beizubehalten. Ich schweige und die Sekunden ziehen sich wie Gummi-Expander. 

„Das Gras ist mir zu hoch!“, schnappe ich schließlich. Mathias steigt seelenruhig ins Auto, startet den Motor und brettert wortlos den Feldweg hinunter.

An diesem Abend tagt der UN-Sicherheitsrat am Rande einer kleinen Heuwiese, ohne Aussicht und mit einer Meute aggressiver Hirtenhunde vor der Tür. An der gemeinsamen Resolution wird noch gearbeitet.