on the happyroad

Vom Balkan zum Nordkap

Kategorie: Unterwegs

Sauna-Barbecue

„Was soll das heißen: Es ist kein Holz da?“ Überrascht schaue ich Mathias an, der gerade aus dem Brennholz-Schuppen auf den moosigen Waldboden tritt. Er zuckt mit den Schultern und zeigt hinter sich. „Das Lager ist leer“, informiert er mich dann. „Da sind nur noch ein paar letzte Scheite drin“. Ich lasse mich frustriert auf der Bank neben dem Lavu nieder. Wir sind ungefähr eine Stunde durch den finnischen Wald zu diesem Picknickplatz gestapft, um den Tag ganz landestypisch zu verbringen: Wandern, Sauna, Barbecue – der Finnen liebste Freizeitbeschäftigungen. Dass es dafür nicht nur Schutzhütten mit Feuerstelle, sondern, wie hier, auch eine Jedermann-Sauna im Wald gibt, ist allerdings nicht der Normalfall. Als schmalbudgetierte Vollzeitreisende im finnischen Herbst können wir die Gelegenheit einer Gratis-Sauna (und Wäsche) nicht liegen lassen und haben für diese Wanderung einen beträchtlichen Umweg in Kauf genommen. Umso enttäuschender, dass wir scheinbar zu einem ungünstigen Zeitpunkt gekommen sind und Wanderer vor uns den Holzvorrat, den die Gemeinden an solchen Plätzen zur Verfügung stellen, aufgebraucht haben. Wie zum Hohn glimmen in der Feuerstelle noch ein paar letzte Kohlen träge vor sich hin. 

Frustriert schnallen wir die Rucksäcke ab und umrunden langsam Schutzhütte, Plumpsklo und Sauna, um vielleicht doch noch brennbares Material zu finden – schließlich befinden wir uns im Wald, wie ich lautstark kund tue, „da muss man doch ein Feuer machen können!“. Doch unsere Ausbeute ist ernüchternd und ich muss mich mit dem Gedanken anfreunden, dass aus dem typisch finnischen Nachmittag heute nichts wird. Wir starren eine Weile resigniert auf die wenigen trockenen Zweige, die wir zusammentragen konnten, dann spricht Mathias das Offensichtliche aus: „Sauna oder Barbecue – für beides reicht’s auf keinen Fall!“ „Na dann Barbecue“, sage ich, hungrig vom Wandern und mit dem Gedanken an die finnischen Grillwürste in meinem Rucksack. Gleichzeitig fügt Mathias hinzu: „Ich heiz dann mal die Sauna an.“

In Finnland gibt es Schätzungen zufolge zwischen zwei und drei Millionen Saunen. Das bedeutet, dass theoretisch alle Finnen gleichzeitig in die Sauna gehen könnten und sogar noch Platz für ein paar Touristen wäre. Die Art und Weise, wie man in Finnland in die Sauna geht, unterscheidet sich jedoch stark von der Saunakultur in Deutschland. Der Grundmechanismus ist zwar derselbe – es ist ziemlich heiß und man kühlt sich hinterher ordentlich ab -, aber in Finnland ist die Sauna eine zutiefst soziale Angelegenheit. Hier werden Probleme gewälzt, ernsthafte Gespräche geführt, getratscht, gelacht und angeblich sogar politische Entscheidungen getroffen. Die Sauna ist ein Ort, an dem Familien zusammenkommen und Freundschaften gepflegt werden. Ich habe in öffentlichen Saunen (die übrigens streng nach Geschlechtern getrennt sind) auch schon sehr junge und sehr alte Menschen getroffen. Saunieren ist hier weit entfernt vom kinder- und störungsfreien Schweige-Wellness, das in deutschen SPAs und Saunatempeln praktiziert wird. Die Finnen tauen in der Sauna wortwörtlich auf, werden hier erst richtig gesprächig und zischen nicht selten rülpsend ein Bierchen, während sie beständig Wasser auf die heißen Steine kippen.

Man hält in Finnland auch nichts von „Ruhepausen“ zwischen den einzelnen Saunagängen, wie sie bei uns häufig angemahnt werden. Raus aus der Sauna, rein in den kalten See, und während das Herz-Kreislauf-System noch den Kälteschock überwindet, sitzt der Finne schon wieder auf dem Holzbänkchen und öffnet sich das nächste Bier. 

Davon sind Mathias und ich in diesem Moment aber noch weit entfernt. Ein handfester Interessenskonflikt bahnt sich an: Sauna oder Grillen? Ich argumentiere, getrieben von meinem grummelnden Magen, dass Sauberkeit sowieso überbewertet wird, und Mathias weist darauf hin, dass Gratis-Saunen in der Regel seltener vorbeikommen als Supermärkte und wir schließlich nur deswegen hierher gewandert sind. 

Am Schluss ist die Lösung so einfach wie naheliegend: Während Mathias den Saunaofen anheizt, suche ich zwei lange Stecken im Wald und spitze die Enden an. Nachdem wir beide ausgiebig geschwitzt und gebadet haben, ist im Saunaofen gerade noch genug Glut, um zwei Würstchen darüber zu grillen. 

Ein finnisches Schnäppchen

Die Unterhose, die Mathias gerade grinsend in die Höhe hält, ist türkis und hat einen Gummizug in Regenbogenfarben. Lange Beine und ein seitlicher Eingriff machen das Kleidungsstück perfekt. „Was meinst du?“ fragt er mich grinsend, und ich bin mir ehrlich gesagt nicht sicher, ob das eine ernst gemeinte Frage ist und er tatsächlich den Kauf dieser individuell-kreativen Unterbekleidung erwägt. Ich rette mich in ein verlegenes Lachen und verschwinde schnell im nächsten Gang.

Seitdem wir in Finnland sind, die Tage kühler und kürzer werden, haben wir eine neue Lieblings-Freizeitbeschäftigung gefunden, die typisch finnisch ist: Kirppis. Zu deutsch Flohmarkt, obwohl das das Konzept nicht ganz beschreibt. Kirppis, oder Kirpputori, ist eher eine Mischung aus Trödelmarkt und Sozialkaufhaus und es gibt in jeder größeren oder kleineren Stadt mindestens einen. Meist in Lagerhäusern, deren Fläche mit Regalgängen gefüllt ist, die wiederum in einzelne Parzellen unterteilt sind. Das Prinzip funktioniert so: Man mietet sich eine dieser Parzellen und packt alles rein, was man loswerden möchte. Mit Preisschild und Nummernetikett versehen, können die Käufer die Sachen zur zentralen Kasse bringen. Es gibt sogar Kirppise, wo man mit der Kreditkarte bezahlen kann. Die Verkäufer bekommt man nicht zu Gesicht, obwohl wir uns gern einen Spaß daraus machen, uns die Vorbesitzer anhand der Sachen, die sie zum Verkauf anbieten, vorzustellen. Mann, Frau, groß, klein, alt, jung? Bei der regenbogenfarbenen langen Unterhose versagt mir allerdings die Fantasie, und ich hoffe nur, dass ich den zukünftigen Besitzer nicht bereits vor ein paar Monaten kennen gelernt habe.

Kirppis bietet dementsprechend ein Sammelsurium aus den unterschiedlichsten Gegenständen in den unterschiedlichsten Aggregatszuständen. Von der bestens erhaltenen Motorradkluft bis zur abgewetzten Babypuppe ist alles dabei. Aber zwischen ziemlich viel KrimsKrams, Rumsteherlen und Schrott findet man immer wieder kleine Schätze und Nützliches (ich bereue es immer noch, dass wir im letzten Kirppis die Heizdecke für 5 Euro liegen lassen haben). In Kokemäki beispielsweise habe ich mich für 21 Euro komplett neu eingekleidet – inklusive Schuhe und Schal. Und so schlendere ich jetzt durch die Gänge auf der Suche nach einem neuen Kochtopf  – bei unserem ist der Griff abgebrochen – oder dem ein oder anderen Schnäppchen. Während Mathias noch durch die Herrenabteilung stöbert, gehe ich in den Nebenraum. Und erspähe, unter einem Papppferd und einer Kinderwiege, die von der Decke baumeln, eine große Auswahl an – ich kann es selbst kaum glauben – Langlaufskiern. Die Temperaturen hier in Nord-Ost-Finnland, kurz vor der russischen Grenze, legen den Gedanken an die ein oder andere Langlauftour bereits nahe und ich habe es schon bereut, dass ich keine Skatingski dabei habe. Schnell baue ich mich vor der Langlaufabteilung auf, mit möglichst breitem Kreuz, um anderen Schnäppchenjägern den Blick auf meine potenzielle Beute zu versperren. Der erste Blick ist etwas ernüchternd. Die meisten Ski haben völlig veraltete Bindungen, tiefe Kratzer oder schlicht die falsche Größe. Ich lehne mich nach vorne, wühle noch etwas tiefer und ziehe schließlich einen blauen Skatingski hervor. Der Schnellcheck lässt hoffen: Die Bindung sieht ordentlich aus, die Kratzer sind nicht allzu tief und er hat genau die richtige Größe. 

„Die tun’s noch eine Weile“, befindet der eilends herbeigerufene Ski-Experte aka Mathias. Und auch dem Belastungstest auf dem Scheunenboden halten die Ski stand. Mit klopfendem Herzen trage ich die Bretter zur Kasse, um den Preis zu erfragen – unser Budget gestattet eigentlich keine größere Anschaffung. Die ältere Dame (es sind immer ältere Damen, die bei Kirppis an der Kasse sitzen und gleichzeitig Kuchen verkaufen) schürzt die Lippen und wiegt den Kopf hin und her, als ich ihr fragend die Ski entgegen strecke. Gehandelt wird im Kirppis nicht, „nimm’s oder lass es“ ist die Devise. „Fünf Euro“ lautet ihr Urteil. 

Seither fahren wir ein drittes Paar Ski auf dem Dachträger herum. Der Winter kann kommen.

Eine einschlägige Erfahrung

Es ist ja nicht so, als wären wie nicht gewarnt worden. Vor ein paar Tagen haben wir in Rumänien zwei Tramper mitgenommen, ein Pärchen aus der Ukraine, wie sich herausgestellt hat. Natürlich haben wir die Gelegenheit genutzt und sie ein bisschen über ihr Land ausgefragt. Viel wussten sie nicht zu sagen, aber eins hat der Mann nachdrücklich und mehrfach wiederholt: „Roads in Ukraine are very bad!“ Jaja, kennen wir, haben wir abgewunken, in Rumänien und auf dem Balkan auch. „No no“, hat er betont, „really bad. Really really bad!“

Daran erinnere ich Mathias, der, während wir jetzt über diese „really bad roads“ rumpeln, ziemlich verspannt auf dem Beifahrersitz sitzt, als wäre es sein Fahrgestell, das in diesem Moment so schwer gebeutelt wird, nicht das des Busses. „Der Typ hat’s uns doch gesagt“, klugscheiße ich, obwohl ich mir eingestehen muss, dass ich die Straßenverhältnisse ebenfalls unterschätzt habe. „Können wir nicht über eine größere Straße fahren?“ fragt Mathias gequält. „Das ist die größte Straße hier in der Gegend“, erwidere ich, während ich das Lenkrad scharf nach rechts reiße, um einem besonders tiefen Krater auszuweichen. 

Wir sind unterwegs in Richtung Lemberg/Lviv, und haben uns für die Strecke durch Transkarpatien entschieden, in der Hoffnung, hier bessere Stellplätze, frisches Wasser und weniger Hitze zu finden. Das spielt im Moment allerdings alles keine Rolle, denn wir sind ganz darauf konzentriert, unseren Bus unbeschadet über dieses Minenfeld von einer Straße zu manövrieren. Rund 45 Kilometer haben wir schon geschafft, noch mindestens 40 liegen vor uns. Dafür werden wir vermutlich den restlichen Tag benötigen, denn aktuell quälen wir uns mit 20 bis 25 kmh dahin. Die Straße verdient die Bezeichnung Straße eigentlich überhaupt nicht. Es handelt sich im besten Fall um eine Aneinanderreihung von Asphaltflicken, im schlimmsten Fall sind die Schlaglöcher so groß, tief und so eng beieinander, dass der Bus immer wieder aufsitzt. An den Rändern franst der Asphalt aus, als hätten große Nagetiere in angeknabbert, manchmal bricht er auch in einer scharfen – und tiefen – Kante ab. Das Fahren erfordert vollste Konzentration. Trotzdem ist es nahezu unmöglich, allen Schlaglöchern auszuweichen. Meistens kann ich nur in Sekundenschnelle entscheiden, WELCHES Schlagloch ich mitnehme. Das OB ist schon längst keine Option mehr. Manchmal hilft es, neben der Straße auf dem Schotter zu fahren, allerdings nur, wenn der Streifen breit genug ist.

Diese Umstände führen dazu, dass jedes Fahrzeug, egal ob Auto, LKW oder Moped, in Schlangenlinien fährt. Es ist ein wildes Durcheinander, in dem jeder versucht, die beste Linie zu finden. Fahrspuren existieren nicht und auch die Geschwindigkeiten sind sehr individuell. Wir werden von alten, rostigen Ladas überholt und kriechen hinter riesigen, vollbeladenen Lastwagen her. Irgendwann lässt Mathias etwas Luft aus den Reifen, damit es uns nicht mehr ganz so wild hin und her schlägt. Noch nicht mal mein Standard-Satz für schlechte Straßen – „Lukomir war schlimmer!“ – lässt sich hier anbringen: Das hier ist definitiv schlimmer als unser Trip nach Lukomir!

Der Ritt durch die ukrainischen Karpaten dauert tatsächlich noch den ganzen Tag. Als wir endlich, am späten Nachmittag, einen Stellplatz gefunden haben, meine ich, sogar unseren Bus erleichtert aufatmen zu hören. „Ab jetzt fahren wie nur noch Autobahn – und wenn‘s ein Umweg von 100 Kilometern ist!“, sagt Mathias.

Na schauen wir mal.

Milch in der PET-Flasche

Der Mann nähert sich unserem Lagerfeuer, unter dem Arm ein paar lange Stöcke und Äste. Er geht nicht ganz gerade, aber ob es am unebenen Untergrund liegt, an der Bergwiese, auf der unser Bus heute parkt, können wir nicht erkennen. Als er beim Lagerfeuer ankommt, lässt er das Holz fallen, deutet abwechselnd auf unser Feuerchen, unsere Axt und das Holz, und lässt einen rumänischen Wortschwall vom Stapel. Unser Wortschatz beschränkt sich nach wie vor auf „Prost“, „gute Fahrt“ und „vielen Dank“, aber seine Gesten machen klar, dass er uns das Holz für’s Feuer gebracht hat, das er ein wenig zu klein findet. Mit beiden Armen wedelnd fordert er uns auf, noch einmal mit ihm Holz suchen zu gehen – das können wir kaum abschlagen, unser Holzstoß ist tatsächlich etwas mickrig. „Der ist betrunken“, raunt Mathias mit während des Holzsammelns zu. Und tatsächlich, unser Kollege schwankt über die Wiese wie ein Landei bei Seegang. Als wir genug Holz gesammelt haben, spendieren wir ihm ein Bier zum Dank, das er, neben unserem Feuer sitzend, genüsslich trinkt. Er hat ein offenes Gesicht, wettergegerbt, und sein Hirtenstab weist ihn als einen der Männer aus, die den ganzen Tag mit ihren Kühen oder Schafen durch die Berge ziehen. Am Feuer sitzend redet er ununterbrochen auf uns ein, die Tatsache, dass wir nichts verstehen, scheint ihn nicht zu stören. Als die Bierflasche leer ist, gibt er jedem von uns die Hand und wackelt fröhlich pfeifend den Pfad hinunter.

Ein paar Tage später mühe ich mich gerade fluchend damit ab, mit Holzstücken, die man bestenfalls als halbtrocken bezeichnen könnte, ein Feuer in Gang zu bringen. Wir haben unser Lager am Rande eines kleinen Dorfes am Bach aufgeschlagen, durch die Bäume sehen wir gerade noch die letzten Bauernhäuser und Kuhställe. Um uns herum dichter Nadelwald, der noch dampft vom letzten Regenguss. Eine alte Frau mit einem kleinen Mädchen an der Hand, beide mit Kopftuch und Gummistiefeln, kommt den Bach entlang auf mich zu. Hoffentlich hat sie nichts dagegen, dass wir hier nächtigen, denke ich. Bisher haben wir nur gute Erfahrungen gemacht, aber natürlich kann man nie sicher sein, wie Einwohner reagieren, wenn plötzlich ein Camper am Dorfrand steht. Neben mir angekommen streckt die Kleine schüchtern die Hand aus. Mit ein bisschen Ermutigung von ihrer Oma gibt sie mir schließlich eine Handvoll wilder Himbeeren. „Multumesc“, sage ich und denke zum wiederholten Mal, wie freundlich die Rumänen doch sind. Dabei erinnere ich mich an eine Szene kurz vor unserer Abreise, als wir meine Eltern im Südwesten besucht haben.

Meine Mutter und ich standen auf einen kurzen Tratsch mit der Nachbarin auf der Straße. Baden-Württembergisch-ländliche Frühsommeridylle, blauer Himmel, blühender Flieder und angenehme 25 Grad. Ich erzählte der Nachbarin, eine Frau im selben Alter wie meine Mutter, von unseren Reise- und Vanlifeplänen, wo es hingeht und wie lang. Sie schaute irgendwann zu meiner Mutter und fragte: „Hast du da keine Angst, wenn sie in solchen Ländern unterwegs ist?“ Mit solchen Ländern meinte sie den Balkan und Rumänien. Meine Mutter hat damals sehr locker reagiert und gesagt: „Nein, wieso? Da war ich auch schon überall, die Leute sind total nett.“

Nachdem wir bereits drei Wochen in Rumänien unterwegs sind, haben wir in erster Linie eins festgestellt: Rumänien und die Rumänen sind deutlich besser als ihr Ruf. Wir haben uns noch nie unsicher gefühlt, bedroht oder auch nur unwillkommen. Den Gasmelder, den wir als Sicherheitsmaßnahme in unseren Camper eingebaut haben, haben wir in Rumänien noch nie benutzt. Keiner hat versucht, uns über’s Ohr zu hauen, zu betrügen oder zu bestehlen. Im Gegenteil, die meisten Leute sind sehr freundlich, neugierig und offen und versuchen häufig, sich mit uns zu unterhalten (auch wenn es mangels Fremdsprachenkenntnisse nicht immer einfach ist). 

Darüber denke ich nach, während ich mich weiterhin mit dem Feuer abmühe. Plötzlich steht die alte Frau wieder vor mir und reicht mir einen Eimer mit trockenem Holz. Meine gestammelten Dankesbekundungen winkt sie ab und geht wortlos zurück ins Dorf. 

Eine halbe Stunde später, das Feuer wärmt und mittlerweile die Zehen, sind Mathias und ich immer noch baff von so viel Freundlichkeit. Aber diese Dorfbewohner setzen noch einen drauf. Ein älterer Mann steht auf einmal neben dem Bus, reicht uns eine große PET-Flasche, die dem Etikett nach zu urteilen einmal Pfirsicheistee enthalten hat, und sein Handy, das Mathias sich ans Ohr drückt. Am anderen Ende sagt ein junger Mann in perfektem Englisch: „This man is my father. He wants to give you two litres of milk. Is there anything else we can help you with or that you need?“ Jetzt sind wir völlig geflasht und fangen an, uns Sorgen zu machen, ob wir schon so abgerissen und bedürftig aussehen, dass die Leute uns Almosen geben? Wir nehmen die Milch dankend an, lehnen aber alle anderen Angebote ab und als der alte Mann zurück ins Dorf geht beschließe ich, mir am nächsten Tag mal wieder die Haare zu waschen. 

Gewitter

Den ersten Lagerkoller bekommen wir, als wir seit ungefähr sechs Wochen unterwegs sind. Die letzten drei Tage haben wir an einem Stausee in den Bergen des Retezat Nationalpark gecampt. Schon bei unserer Ankunft hing grollend ein Gewitter in den Bergen, das sich in der Nacht lautstark und bildgewaltig über uns entladen hat. Der Beginn einer Schlechtwetterfront, die neben Regen vor allem kalte Luft gebracht hat. In diesen drei nebeldunstigen Tagen, die wir, noch sonnen- und sommerverwöhnt, darauf gewartet haben, dass es endlich genug aufklart um wandern zu können, ist zwischen Mathias und mir auch ein Unwetter aufgezogen, das sich heute Abend entladen soll.

 „Ich weiß nicht, ist mir egal“, sage ich achselzuckend und bleibe demonstrativ im Bus sitzen. Wir suchen seit ungefähr einer Stunde einen Stellplatz in den grünen waldigen Hügeln um Sibiu. Eigentlich wollten wir heute Morgen zeitig los, aber bis wir all unseren Kram verstaut hatten, hat es wieder einmal länger gedauert, als uns lieb ist. Zwar hat jedes Teil in unserem Bus seinen Platz, aber hin und wieder definieren Mathias und ich diesen Platz sehr unterschiedlich. Während ich beispielsweise meine Sonnenbrille am liebsten irgendwohin lege, legt Mathias sie immer aufs Armaturenbrett.Kompliziert wird die Sache, wenn einer von uns meint, einen besseren Platz für einen Gegenstand gefunden zu haben, ohne das dem anderen mitzuteilen. Auch wenn wir von Woche zu Woche effizienter werden: Die Wahrheit ist, dass wir einen großen Teil unseres Alltags damit verbringen, Dinge hin und her zu räumen und anschließend zu suchen. Für jemanden wie mich, mit einem eher kreativen Verständnis von Ordnung, kein Problem. Für Mathias, mit einem praxisorientierten Verständnis von Ordnung, eine mittelschwere Katastrophe. Ein erstes Krisengespräch am vergangenen Abend verlief ungefähr so wie die Debatten im UN-Sicherheitsrat. Jeder sagt seine Meinung, aber am Schluss gibt es keine gemeinsame Resolution.

So sind wir heute Morgen also bereits mit einem Bussegen in Schieflage gestartet. Ich habe außerdem Migräne und schon den ganzen Tag unterschwellig schlechte Laune. Was genau mich an dem Stellplatz, den Mathias in den Hügeln gefunden hat, stört, kann ich gar nicht sagen. Es ist ruhig, die Aussicht reicht über halb Siebenbürgen, wir stehen nicht auf Privatgrund und für eine Nacht ließe es sich hier absolut aushalten. 

„Also i find’s a guats Platzl“, versucht Mathias mich in seinem schönsten österreichisch zu überzeugen. Ich schaue auf den malerischen Feldweg, auf dem wir stehen, die Blumenwiese neben dem Bus, das traditionelle rumänische Kreuz an der Weggabelung und die himmelweite Aussicht: Ich finde es zum Kotzen. „Hrpmf“, grumpfe ich vor mich hin, die Arme trotzig vor der Brust verschränkt. Ich muss Mathias gar nicht anschauen, ich kann sein Augenrollen förmlich spüren. „Okay, was genau passt dir denn nicht an dem Platz?“, fragt er, und ich höre, wie er sich krampfhaft bemüht, nicht genervt zu klingen. Selbstverständlich nervt mich das noch mehr und ich beschließe, gar nichts mehr zu sagen. „Jetzt sag’s halt“, Mathias schafft es immer weniger, einen halbwegs entspannten Tonfall beizubehalten. Ich schweige und die Sekunden ziehen sich wie Gummi-Expander. 

„Das Gras ist mir zu hoch!“, schnappe ich schließlich. Mathias steigt seelenruhig ins Auto, startet den Motor und brettert wortlos den Feldweg hinunter.

An diesem Abend tagt der UN-Sicherheitsrat am Rande einer kleinen Heuwiese, ohne Aussicht und mit einer Meute aggressiver Hirtenhunde vor der Tür. An der gemeinsamen Resolution wird noch gearbeitet.

Vollrausch in Serbien

Die Ränder der Straße verschwimmen vor meinem Blickfeld. Ich kneife die Augen zusammen und starre angestrengt geradeaus, um die Fahrbahn besser erkennen zu können. Wenn man die holprige und von Schlaglöchern übersäte Piste, über die ich den Bus gerade lenke, überhaupt als Fahrbahn bezeichnen kann. Zum schlechten Straßenzustand kommt hinzu, dass ich in diesem Moment zugegebenermaßen ziemlich betrunken bin. 

Es ist früher Nachmittag und wir sind vor ungefähr zwei Stunden im Tara Nationalpark in Serbien angekommen. In der Kafane am Dorfplatz haben wir Andi kennen gelernt, einen Bosnier, der in Graz lebt und hier in einem Bergdorf sein „Vikend-Haus“ hat. Gedrungen, bullig, mit Muscle-Shirt, aus dem das lockige Brusthaar quillt und breiter Silberkette um den Hals entspricht er dem Klischee des Mannes vom Balkan. Seine Frau Mira daneben ist blond, schlank und sportlich gekleidet. Die beiden haben uns, in typisch balkanesischer Gastfreundschaft, angeboten, unseren Camper heute Nacht vor ihrem Haus zu parken. Im Restaurant in seinem Dorf gäbe es auch WLAN, hat Andi versprochen, und wenn nicht, könnten wir gern seins benutzen. Darüber bin besonders ich sehr erleichtert, denn ich muss meine Kolumne an die Zeitung schicken und bin schon den ganzen Tag auf der Suche nach Internet. Bevor wir in sein Dorf fahren, haben wir uns in die Kafane (die Miras Bruder gehört) gesetzt und Andi hat für mich Bier und für Mathias, der kein Bier verträgt, einen regional typischen Schnaps bestellt. Auf leeren Magen war mir der halbe Liter eine zu große Herausforderung, aber da ich unseren Gastgeber nicht vor den Kopf stoßen wollte, habe ich schnell ein warmes Sandwich mit viel Käse und Fett dazu geordert. Mathias allerdings hatte nicht die Möglichkeit, den Alkohol mit einem glutenfreien Mittagessen aufzusaugen, und kaum waren unsere Gläser leer, hatte Andi bereits die nächste Runde bestellt. Unsere Einwände, einer von uns müsse fahren, wurden mit dem Satz: „Ach, hier gibt es keine Polizei, alles egal!“, weggewischt. Als wir schließlich aufbrechen – Andi drückt seinen Autoschlüssel Mira in die Hand, die die ganze Zeit an ihrem Orangensaft genippt hat – stellt sich für Mathias und mich die Frage, wer von uns beiden weniger betrunken ist. Dank meines Mittagessens fällt die Wahl auf mich und so versuche ich jetzt, auf dieser Schotterpiste (denn natürlich führt in das Bergdorf keine normale Straße) den Anschluss an Mira nicht zu verlieren, die ihren Geländewagen elegant um die Kurven und Schlaglöcher steuert. Im Dorf angekommen parken wir direkt vor dem Restaurant, dem – Überraschung – das WLAN gerade ausgefallen ist. So langsam wird immer deutlicher, dass Andi nicht nur rein äußerlich durch und durch Balkan-Style ist.

Wir setzen uns ins Restaurant und Mathias muss drei weitere Schnäpse trinken, während Andi seine persönlichen Taten und Errungenschaften preist und Mira mir Fotos von ihren Enkelkindern zeigt. Mit halbem Ohr höre ich zu, wie Andi dem glasig dreinblickenden Mathias erklärt, der Schnaps, den er gerade trinke, werde kubikliterweise nach Frankreich exportiert, weil er so herausragend gut sei, er selbst entwickle in Graz das Auto der Zukunft („Das fährt mit Luft!“) und sei außerdem einer der führenden Köpfe von Putins Nachtwölfen, was ein Aufkleber auf seinem Handy beweisen soll. Wenn das stimmt, schießt mir kurz durch den Kopf, ist der Typ wahrscheinlich ein Verbrecher und wir sollten schleunigst hier weg. Aber dann fällt mir wieder ein, wo wir uns befinden und da ich auf jahrelange Erfahrungen mit dem bosnischen Hang zu Übertreibungen zurückgreifen kann, beruhige ich mich schnell wieder. Ich nehme mir trotzdem vor, unseren Gastgeber nicht in politische Gespräche zu verwickeln.

Letztendlich parken wir den Bus hinter Andis Haus in der Wiese. Das versprochene WLAN entpuppt sich als das des Nachbarn und während Mathias Andi und seinem Kumpel beim Reparieren eines Motorrollers hilft, klebe ich am Gartenzaun und versuche, genug Signal einzufangen, um einen Text inklusive Foto abzuschicken. Aus den Augenwinkeln sehe ich dabei, wie der Kumpel die Schnapsflasche auspackt. Der Motorroller wird heute vermutlich nicht mehr repariert.

Der Mann in der Unterhose

Der Mann ist nur mit einer Unterhose bekleidet. Einer alten und schäbigen, leicht gelblichen noch dazu. Sie sitzt ziemlich eng, schneidet an den Hüften ein und über den Bund schwabbelt vorne eine ordentliche Wampe. Er lässt sich schwitzend neben mir auf der Bank nieder und sagt nur drei Worte: „Ranger. Passport. Money.“ Mathias und ich sehen uns fragend an. „Sorry?“ frage ich, an den Mann gewandt. Er macht uns dann mit Händen und Füßen und wenigen englischen Ausdrücken klar, dass wir im Begriff sind, die bosnisch-montenegrinische Grenze zu überqueren und dass er daher gern unsere Pässe sehen sowie von jedem einen Euro Eintrittsgebühr kassieren würde. Wir haben in diesem Moment weder das eine noch das andere dabei. Als wir heute morgen zu unserer Wanderung im Sutjeska Nationalpark aufgebrochen sind, war uns nicht klar, dass sich das Ziel, ein Bergsee am Fuße des Maglic, des höchsten Berges Bosniens, bereits in Montenegro befindet. Außerdem sieht der Mann in seiner angegammelten Unterhose nicht so aus, als ob er in irgendeiner Weise befugt wäre, Pässe oder Eintrittsgelder zu verlangen und für einen Nationalparkranger ist er nicht entsprechend gekleidet. Soweit wir das beurteilen können, betreibt er einfach nur eine kleine Kafane am Ufer des Trovacko Jezero und wurde von uns gerade dabei gestört, mit einer Motorsäge bei 30 Grad Holz zu sägen. Wir erklären ihm, dass wir kein Geld und keine Pässe dabei haben und schlagen vor, ein entsprechendes Hinweisschild am Wanderparkplatz aufzustellen. Er zuckt nur mit den Schultern und geht zurück zu seiner Motorsäge. Da uns niemand mehr aufhält, reisen wir illegal nach Montenegro ein, machen es uns am Ufer des Trovacko Jezero bequem und schwimmen ein paar Runden. 

Der heutige Tag hat bereits merkwürdig begonnen. Als ich morgens den Kopf aus dem Bus gestreckt habe, war Mathias im Gespräch mit einem völlig aufgelösten Schweden mit offenem Hosenstall. Er hat in den Hütten oberhalb des Parkplatzes übernachtet, auf dem unser Bus steht (danke an den echten Ranger, dass wir hier übernachten durften und nicht auch in die Hütten ziehen mussten). Er sei heute Nacht von einem Eichhörnchen terrorisiert worden, erzählte der Schwede Mathias gerade. Um 4 Uhr morgens habe es ihn zu Tode erschreckt, indem es ihm auf die Brust gehüpft sei. Außerdem habe es sein Obst gefuttert und auf seine Softshelljacke gepinkelt. Weil er dann ohnehin schon wach war, hat er sich auf die Wanderung zum Gipfel des Maglic gemacht, unterwegs aber den Pfad verloren und ist orientierungslos im Gelände herum gekraxelt. Als ihm dann sein Rucksack zehn Meter weit den Berg herunter gerutscht sei, habe er sich gedacht „fuck it“ und die Wanderung abgebrochen. Mit dem Satz „I’m too tired to socialize, sorry“ ist er dann in Richtung See davon gestürmt, dicht gefolgt von einigen größeren Wandergruppen. 

Der falsche Ranger in seiner Unterhose passt somit wunderbar zu diesem schrägen Tag. Da er uns kein Geld aus der Tasche ziehen konnte, scheint er mittlerweile beschlossen zu haben, uns zumindest ordentlich den Aufenthalt zu verderben. Seine Motorsäge läuft pausenlos, und da der See in einem Kessel liegt, umgeben von hohen Bergwänden, fährt einem das Geräusch durch Mark und Bein. Wir halten uns daher nicht länger als nötig auf und treten gleich nach dem Baden den Rückweg an. Als wir (ebenso illegal) zurück nach Bosnien einreisen, treffen wir den Schweden wieder, dessen Laune sich deutlich gehoben hat (dessen Hosenstall aber immer noch weit offen steht). Während wir durch die Wälder von Sutjeska zurück wandern, frage ich mich, für wen dieser Vormittag wohl sonderbarer gewesen ist und ob der Unterhosen-Mann auch dann Holz sägt, wenn keine Wanderer in der Nähe sind. Da wir heute den Sutjeska verlassen – vor uns liegen 20 Kilometer Schotterpiste – werden wir es nicht mehr herausfinden. Aber Motorsägen ist in Bosnien ohnehin Volkssport, und egal, wo wir heute Nacht schlafen werden: Das nächste Fichtenmoped ist bestimmt nicht weit.

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