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Vom Balkan zum Nordkap

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Eine einschlägige Erfahrung

Es ist ja nicht so, als wären wie nicht gewarnt worden. Vor ein paar Tagen haben wir in Rumänien zwei Tramper mitgenommen, ein Pärchen aus der Ukraine, wie sich herausgestellt hat. Natürlich haben wir die Gelegenheit genutzt und sie ein bisschen über ihr Land ausgefragt. Viel wussten sie nicht zu sagen, aber eins hat der Mann nachdrücklich und mehrfach wiederholt: „Roads in Ukraine are very bad!“ Jaja, kennen wir, haben wir abgewunken, in Rumänien und auf dem Balkan auch. „No no“, hat er betont, „really bad. Really really bad!“

Daran erinnere ich Mathias, der, während wir jetzt über diese „really bad roads“ rumpeln, ziemlich verspannt auf dem Beifahrersitz sitzt, als wäre es sein Fahrgestell, das in diesem Moment so schwer gebeutelt wird, nicht das des Busses. „Der Typ hat’s uns doch gesagt“, klugscheiße ich, obwohl ich mir eingestehen muss, dass ich die Straßenverhältnisse ebenfalls unterschätzt habe. „Können wir nicht über eine größere Straße fahren?“ fragt Mathias gequält. „Das ist die größte Straße hier in der Gegend“, erwidere ich, während ich das Lenkrad scharf nach rechts reiße, um einem besonders tiefen Krater auszuweichen. 

Wir sind unterwegs in Richtung Lemberg/Lviv, und haben uns für die Strecke durch Transkarpatien entschieden, in der Hoffnung, hier bessere Stellplätze, frisches Wasser und weniger Hitze zu finden. Das spielt im Moment allerdings alles keine Rolle, denn wir sind ganz darauf konzentriert, unseren Bus unbeschadet über dieses Minenfeld von einer Straße zu manövrieren. Rund 45 Kilometer haben wir schon geschafft, noch mindestens 40 liegen vor uns. Dafür werden wir vermutlich den restlichen Tag benötigen, denn aktuell quälen wir uns mit 20 bis 25 kmh dahin. Die Straße verdient die Bezeichnung Straße eigentlich überhaupt nicht. Es handelt sich im besten Fall um eine Aneinanderreihung von Asphaltflicken, im schlimmsten Fall sind die Schlaglöcher so groß, tief und so eng beieinander, dass der Bus immer wieder aufsitzt. An den Rändern franst der Asphalt aus, als hätten große Nagetiere in angeknabbert, manchmal bricht er auch in einer scharfen – und tiefen – Kante ab. Das Fahren erfordert vollste Konzentration. Trotzdem ist es nahezu unmöglich, allen Schlaglöchern auszuweichen. Meistens kann ich nur in Sekundenschnelle entscheiden, WELCHES Schlagloch ich mitnehme. Das OB ist schon längst keine Option mehr. Manchmal hilft es, neben der Straße auf dem Schotter zu fahren, allerdings nur, wenn der Streifen breit genug ist.

Diese Umstände führen dazu, dass jedes Fahrzeug, egal ob Auto, LKW oder Moped, in Schlangenlinien fährt. Es ist ein wildes Durcheinander, in dem jeder versucht, die beste Linie zu finden. Fahrspuren existieren nicht und auch die Geschwindigkeiten sind sehr individuell. Wir werden von alten, rostigen Ladas überholt und kriechen hinter riesigen, vollbeladenen Lastwagen her. Irgendwann lässt Mathias etwas Luft aus den Reifen, damit es uns nicht mehr ganz so wild hin und her schlägt. Noch nicht mal mein Standard-Satz für schlechte Straßen – „Lukomir war schlimmer!“ – lässt sich hier anbringen: Das hier ist definitiv schlimmer als unser Trip nach Lukomir!

Der Ritt durch die ukrainischen Karpaten dauert tatsächlich noch den ganzen Tag. Als wir endlich, am späten Nachmittag, einen Stellplatz gefunden haben, meine ich, sogar unseren Bus erleichtert aufatmen zu hören. „Ab jetzt fahren wie nur noch Autobahn – und wenn‘s ein Umweg von 100 Kilometern ist!“, sagt Mathias.

Na schauen wir mal.

Milch in der PET-Flasche

Der Mann nähert sich unserem Lagerfeuer, unter dem Arm ein paar lange Stöcke und Äste. Er geht nicht ganz gerade, aber ob es am unebenen Untergrund liegt, an der Bergwiese, auf der unser Bus heute parkt, können wir nicht erkennen. Als er beim Lagerfeuer ankommt, lässt er das Holz fallen, deutet abwechselnd auf unser Feuerchen, unsere Axt und das Holz, und lässt einen rumänischen Wortschwall vom Stapel. Unser Wortschatz beschränkt sich nach wie vor auf „Prost“, „gute Fahrt“ und „vielen Dank“, aber seine Gesten machen klar, dass er uns das Holz für’s Feuer gebracht hat, das er ein wenig zu klein findet. Mit beiden Armen wedelnd fordert er uns auf, noch einmal mit ihm Holz suchen zu gehen – das können wir kaum abschlagen, unser Holzstoß ist tatsächlich etwas mickrig. „Der ist betrunken“, raunt Mathias mit während des Holzsammelns zu. Und tatsächlich, unser Kollege schwankt über die Wiese wie ein Landei bei Seegang. Als wir genug Holz gesammelt haben, spendieren wir ihm ein Bier zum Dank, das er, neben unserem Feuer sitzend, genüsslich trinkt. Er hat ein offenes Gesicht, wettergegerbt, und sein Hirtenstab weist ihn als einen der Männer aus, die den ganzen Tag mit ihren Kühen oder Schafen durch die Berge ziehen. Am Feuer sitzend redet er ununterbrochen auf uns ein, die Tatsache, dass wir nichts verstehen, scheint ihn nicht zu stören. Als die Bierflasche leer ist, gibt er jedem von uns die Hand und wackelt fröhlich pfeifend den Pfad hinunter.

Ein paar Tage später mühe ich mich gerade fluchend damit ab, mit Holzstücken, die man bestenfalls als halbtrocken bezeichnen könnte, ein Feuer in Gang zu bringen. Wir haben unser Lager am Rande eines kleinen Dorfes am Bach aufgeschlagen, durch die Bäume sehen wir gerade noch die letzten Bauernhäuser und Kuhställe. Um uns herum dichter Nadelwald, der noch dampft vom letzten Regenguss. Eine alte Frau mit einem kleinen Mädchen an der Hand, beide mit Kopftuch und Gummistiefeln, kommt den Bach entlang auf mich zu. Hoffentlich hat sie nichts dagegen, dass wir hier nächtigen, denke ich. Bisher haben wir nur gute Erfahrungen gemacht, aber natürlich kann man nie sicher sein, wie Einwohner reagieren, wenn plötzlich ein Camper am Dorfrand steht. Neben mir angekommen streckt die Kleine schüchtern die Hand aus. Mit ein bisschen Ermutigung von ihrer Oma gibt sie mir schließlich eine Handvoll wilder Himbeeren. „Multumesc“, sage ich und denke zum wiederholten Mal, wie freundlich die Rumänen doch sind. Dabei erinnere ich mich an eine Szene kurz vor unserer Abreise, als wir meine Eltern im Südwesten besucht haben.

Meine Mutter und ich standen auf einen kurzen Tratsch mit der Nachbarin auf der Straße. Baden-Württembergisch-ländliche Frühsommeridylle, blauer Himmel, blühender Flieder und angenehme 25 Grad. Ich erzählte der Nachbarin, eine Frau im selben Alter wie meine Mutter, von unseren Reise- und Vanlifeplänen, wo es hingeht und wie lang. Sie schaute irgendwann zu meiner Mutter und fragte: „Hast du da keine Angst, wenn sie in solchen Ländern unterwegs ist?“ Mit solchen Ländern meinte sie den Balkan und Rumänien. Meine Mutter hat damals sehr locker reagiert und gesagt: „Nein, wieso? Da war ich auch schon überall, die Leute sind total nett.“

Nachdem wir bereits drei Wochen in Rumänien unterwegs sind, haben wir in erster Linie eins festgestellt: Rumänien und die Rumänen sind deutlich besser als ihr Ruf. Wir haben uns noch nie unsicher gefühlt, bedroht oder auch nur unwillkommen. Den Gasmelder, den wir als Sicherheitsmaßnahme in unseren Camper eingebaut haben, haben wir in Rumänien noch nie benutzt. Keiner hat versucht, uns über’s Ohr zu hauen, zu betrügen oder zu bestehlen. Im Gegenteil, die meisten Leute sind sehr freundlich, neugierig und offen und versuchen häufig, sich mit uns zu unterhalten (auch wenn es mangels Fremdsprachenkenntnisse nicht immer einfach ist). 

Darüber denke ich nach, während ich mich weiterhin mit dem Feuer abmühe. Plötzlich steht die alte Frau wieder vor mir und reicht mir einen Eimer mit trockenem Holz. Meine gestammelten Dankesbekundungen winkt sie ab und geht wortlos zurück ins Dorf. 

Eine halbe Stunde später, das Feuer wärmt und mittlerweile die Zehen, sind Mathias und ich immer noch baff von so viel Freundlichkeit. Aber diese Dorfbewohner setzen noch einen drauf. Ein älterer Mann steht auf einmal neben dem Bus, reicht uns eine große PET-Flasche, die dem Etikett nach zu urteilen einmal Pfirsicheistee enthalten hat, und sein Handy, das Mathias sich ans Ohr drückt. Am anderen Ende sagt ein junger Mann in perfektem Englisch: „This man is my father. He wants to give you two litres of milk. Is there anything else we can help you with or that you need?“ Jetzt sind wir völlig geflasht und fangen an, uns Sorgen zu machen, ob wir schon so abgerissen und bedürftig aussehen, dass die Leute uns Almosen geben? Wir nehmen die Milch dankend an, lehnen aber alle anderen Angebote ab und als der alte Mann zurück ins Dorf geht beschließe ich, mir am nächsten Tag mal wieder die Haare zu waschen. 

Vollrausch in Serbien

Die Ränder der Straße verschwimmen vor meinem Blickfeld. Ich kneife die Augen zusammen und starre angestrengt geradeaus, um die Fahrbahn besser erkennen zu können. Wenn man die holprige und von Schlaglöchern übersäte Piste, über die ich den Bus gerade lenke, überhaupt als Fahrbahn bezeichnen kann. Zum schlechten Straßenzustand kommt hinzu, dass ich in diesem Moment zugegebenermaßen ziemlich betrunken bin. 

Es ist früher Nachmittag und wir sind vor ungefähr zwei Stunden im Tara Nationalpark in Serbien angekommen. In der Kafane am Dorfplatz haben wir Andi kennen gelernt, einen Bosnier, der in Graz lebt und hier in einem Bergdorf sein „Vikend-Haus“ hat. Gedrungen, bullig, mit Muscle-Shirt, aus dem das lockige Brusthaar quillt und breiter Silberkette um den Hals entspricht er dem Klischee des Mannes vom Balkan. Seine Frau Mira daneben ist blond, schlank und sportlich gekleidet. Die beiden haben uns, in typisch balkanesischer Gastfreundschaft, angeboten, unseren Camper heute Nacht vor ihrem Haus zu parken. Im Restaurant in seinem Dorf gäbe es auch WLAN, hat Andi versprochen, und wenn nicht, könnten wir gern seins benutzen. Darüber bin besonders ich sehr erleichtert, denn ich muss meine Kolumne an die Zeitung schicken und bin schon den ganzen Tag auf der Suche nach Internet. Bevor wir in sein Dorf fahren, haben wir uns in die Kafane (die Miras Bruder gehört) gesetzt und Andi hat für mich Bier und für Mathias, der kein Bier verträgt, einen regional typischen Schnaps bestellt. Auf leeren Magen war mir der halbe Liter eine zu große Herausforderung, aber da ich unseren Gastgeber nicht vor den Kopf stoßen wollte, habe ich schnell ein warmes Sandwich mit viel Käse und Fett dazu geordert. Mathias allerdings hatte nicht die Möglichkeit, den Alkohol mit einem glutenfreien Mittagessen aufzusaugen, und kaum waren unsere Gläser leer, hatte Andi bereits die nächste Runde bestellt. Unsere Einwände, einer von uns müsse fahren, wurden mit dem Satz: „Ach, hier gibt es keine Polizei, alles egal!“, weggewischt. Als wir schließlich aufbrechen – Andi drückt seinen Autoschlüssel Mira in die Hand, die die ganze Zeit an ihrem Orangensaft genippt hat – stellt sich für Mathias und mich die Frage, wer von uns beiden weniger betrunken ist. Dank meines Mittagessens fällt die Wahl auf mich und so versuche ich jetzt, auf dieser Schotterpiste (denn natürlich führt in das Bergdorf keine normale Straße) den Anschluss an Mira nicht zu verlieren, die ihren Geländewagen elegant um die Kurven und Schlaglöcher steuert. Im Dorf angekommen parken wir direkt vor dem Restaurant, dem – Überraschung – das WLAN gerade ausgefallen ist. So langsam wird immer deutlicher, dass Andi nicht nur rein äußerlich durch und durch Balkan-Style ist.

Wir setzen uns ins Restaurant und Mathias muss drei weitere Schnäpse trinken, während Andi seine persönlichen Taten und Errungenschaften preist und Mira mir Fotos von ihren Enkelkindern zeigt. Mit halbem Ohr höre ich zu, wie Andi dem glasig dreinblickenden Mathias erklärt, der Schnaps, den er gerade trinke, werde kubikliterweise nach Frankreich exportiert, weil er so herausragend gut sei, er selbst entwickle in Graz das Auto der Zukunft („Das fährt mit Luft!“) und sei außerdem einer der führenden Köpfe von Putins Nachtwölfen, was ein Aufkleber auf seinem Handy beweisen soll. Wenn das stimmt, schießt mir kurz durch den Kopf, ist der Typ wahrscheinlich ein Verbrecher und wir sollten schleunigst hier weg. Aber dann fällt mir wieder ein, wo wir uns befinden und da ich auf jahrelange Erfahrungen mit dem bosnischen Hang zu Übertreibungen zurückgreifen kann, beruhige ich mich schnell wieder. Ich nehme mir trotzdem vor, unseren Gastgeber nicht in politische Gespräche zu verwickeln.

Letztendlich parken wir den Bus hinter Andis Haus in der Wiese. Das versprochene WLAN entpuppt sich als das des Nachbarn und während Mathias Andi und seinem Kumpel beim Reparieren eines Motorrollers hilft, klebe ich am Gartenzaun und versuche, genug Signal einzufangen, um einen Text inklusive Foto abzuschicken. Aus den Augenwinkeln sehe ich dabei, wie der Kumpel die Schnapsflasche auspackt. Der Motorroller wird heute vermutlich nicht mehr repariert.

Der Mann in der Unterhose

Der Mann ist nur mit einer Unterhose bekleidet. Einer alten und schäbigen, leicht gelblichen noch dazu. Sie sitzt ziemlich eng, schneidet an den Hüften ein und über den Bund schwabbelt vorne eine ordentliche Wampe. Er lässt sich schwitzend neben mir auf der Bank nieder und sagt nur drei Worte: „Ranger. Passport. Money.“ Mathias und ich sehen uns fragend an. „Sorry?“ frage ich, an den Mann gewandt. Er macht uns dann mit Händen und Füßen und wenigen englischen Ausdrücken klar, dass wir im Begriff sind, die bosnisch-montenegrinische Grenze zu überqueren und dass er daher gern unsere Pässe sehen sowie von jedem einen Euro Eintrittsgebühr kassieren würde. Wir haben in diesem Moment weder das eine noch das andere dabei. Als wir heute morgen zu unserer Wanderung im Sutjeska Nationalpark aufgebrochen sind, war uns nicht klar, dass sich das Ziel, ein Bergsee am Fuße des Maglic, des höchsten Berges Bosniens, bereits in Montenegro befindet. Außerdem sieht der Mann in seiner angegammelten Unterhose nicht so aus, als ob er in irgendeiner Weise befugt wäre, Pässe oder Eintrittsgelder zu verlangen und für einen Nationalparkranger ist er nicht entsprechend gekleidet. Soweit wir das beurteilen können, betreibt er einfach nur eine kleine Kafane am Ufer des Trovacko Jezero und wurde von uns gerade dabei gestört, mit einer Motorsäge bei 30 Grad Holz zu sägen. Wir erklären ihm, dass wir kein Geld und keine Pässe dabei haben und schlagen vor, ein entsprechendes Hinweisschild am Wanderparkplatz aufzustellen. Er zuckt nur mit den Schultern und geht zurück zu seiner Motorsäge. Da uns niemand mehr aufhält, reisen wir illegal nach Montenegro ein, machen es uns am Ufer des Trovacko Jezero bequem und schwimmen ein paar Runden. 

Der heutige Tag hat bereits merkwürdig begonnen. Als ich morgens den Kopf aus dem Bus gestreckt habe, war Mathias im Gespräch mit einem völlig aufgelösten Schweden mit offenem Hosenstall. Er hat in den Hütten oberhalb des Parkplatzes übernachtet, auf dem unser Bus steht (danke an den echten Ranger, dass wir hier übernachten durften und nicht auch in die Hütten ziehen mussten). Er sei heute Nacht von einem Eichhörnchen terrorisiert worden, erzählte der Schwede Mathias gerade. Um 4 Uhr morgens habe es ihn zu Tode erschreckt, indem es ihm auf die Brust gehüpft sei. Außerdem habe es sein Obst gefuttert und auf seine Softshelljacke gepinkelt. Weil er dann ohnehin schon wach war, hat er sich auf die Wanderung zum Gipfel des Maglic gemacht, unterwegs aber den Pfad verloren und ist orientierungslos im Gelände herum gekraxelt. Als ihm dann sein Rucksack zehn Meter weit den Berg herunter gerutscht sei, habe er sich gedacht „fuck it“ und die Wanderung abgebrochen. Mit dem Satz „I’m too tired to socialize, sorry“ ist er dann in Richtung See davon gestürmt, dicht gefolgt von einigen größeren Wandergruppen. 

Der falsche Ranger in seiner Unterhose passt somit wunderbar zu diesem schrägen Tag. Da er uns kein Geld aus der Tasche ziehen konnte, scheint er mittlerweile beschlossen zu haben, uns zumindest ordentlich den Aufenthalt zu verderben. Seine Motorsäge läuft pausenlos, und da der See in einem Kessel liegt, umgeben von hohen Bergwänden, fährt einem das Geräusch durch Mark und Bein. Wir halten uns daher nicht länger als nötig auf und treten gleich nach dem Baden den Rückweg an. Als wir (ebenso illegal) zurück nach Bosnien einreisen, treffen wir den Schweden wieder, dessen Laune sich deutlich gehoben hat (dessen Hosenstall aber immer noch weit offen steht). Während wir durch die Wälder von Sutjeska zurück wandern, frage ich mich, für wen dieser Vormittag wohl sonderbarer gewesen ist und ob der Unterhosen-Mann auch dann Holz sägt, wenn keine Wanderer in der Nähe sind. Da wir heute den Sutjeska verlassen – vor uns liegen 20 Kilometer Schotterpiste – werden wir es nicht mehr herausfinden. Aber Motorsägen ist in Bosnien ohnehin Volkssport, und egal, wo wir heute Nacht schlafen werden: Das nächste Fichtenmoped ist bestimmt nicht weit.

Einfach machen…

Reiseblogs gibt es wie Sand am Meer. Oder Steine im Gebirge, Bäume im Wald – sucht euch ein Klischee aus. Genauso viele Weltenbummler, Instatraveller, Globetrotter und Vanlifer hat die Welt online wie offline zu bieten. 

Warum wir das trotzdem machen? Weil es Spaß macht. Das Reisen genauso wie das Bloggen. Wir sind wahrscheinlich nicht anders oder außergewöhnlicher als all die anderen Reisenden und Blogger. Aber wir haben „a mords Gaudi“, wie man in Österreich sagt. Und darauf kommt es doch an, oder?

Seit ein paar Monaten sind wir sogenannte Vanlifer. Das heißt wir leben und reisen in einem Van, einem Campingbus. In den meisten Fällen sind diese Vehikel selbstgebaut und ähneln mal mehr, mal weniger, einem kleinen Haus auf Rädern. In unserem Fall handelt sich um einen VW T5  (für alle, die sich nicht auskennen: Ein typischer VW-Transporter, Baujahr 2014), den wir natürlich, da lassen wir uns nichts nachsagen, auch selbst ausgebaut haben. Zugegebenermaßen hat vor allem einer von uns gebaut und die andere moralische Unterstützung geleistet, aber ich habe in dem Prozess immerhin gelernt, was eine Torx-Schraube ist und wie sich eine Stichsäge von einer Flex unterscheidet. 

Unser Bus (nein, er hat keinen Namen) verfügt über eine Solaranlage, eine Standheizung, eine Dusche mit warmem Wasser, ein Bücherregal und eine Couch/Bett-Kombi. Wir wollen sowohl im Sommer als auch im Winter möglichst autark unterwegs sein. Eine kleine Führung durch unseren Bus, unter Vanlifern nennt man das „Roomtour“, könnt ihr hier anschauen.

Ob wir wirklich einen geländetauglichen Bus mit Allradantrieb brauchen, habe ich am Anfang etwas bezweifelt. Das schien mir für die europäischen Straßen, auf denen wir uns hauptsächlich bewegen werden, etwas übertrieben. Diese Meinung habe ich mittlerweile revidiert. Die vielen Schlaglöcher und Schotterpisten auf dem Balkan, in Rumänien und vor allem der Ukraine haben uns und unserem Bus schon einiges abverlangt. Ohne den Allrad-Antrieb hätten wir viele schöne Orte und bezaubernde Stellplätze nicht erreicht.

Trotzdem ist und war die Stellplatzsuche, gerade in Südost-Europa, eine der härtesten Herausforderungen.

Wir sind sicherlich nicht blauäugig in unser Vanlife-Projekt gestartet. Uns ist bewusst, dass es Schwierigkeiten und Herausforderungen geben wird, die über die Stellplatzsuche hinaus gehen. Wir könnten bestohlen werden, einen Unfall haben oder uns tierisch auf die Nerven gehen und Vanlifen bei Minusgraden im hohen Norden klingt vielleicht auch romantischer, als es ist. Aber wir können auch morgens in der eiskalten Soca baden, abends beim Spazierengehen die Glühwürmchen beobachten und einfach da bleiben, wo es uns gefällt. Wir haben immer ein leichtes Chaos um uns herum und wir verbringen sehr viel Zeit damit, Dinge zu suchen und hin und her zu räumen. Aber wir könnten auch lernen, mit ganz wenig auszukommen und kleine alltägliche Dinge wieder neu schätzen lernen (zugegeben, ich hatte gerade die erste Haarwäsche seit 6 Tagen und es fühlt sich toll an!). 

Denn das echte Vanlife ist bestimmt nicht so, wie es uns Instagram präsentiert. Aber ich finde, dass genau das das Spannende daran ist.

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